Doris Knecht
| 06/06
| Arbeit & Wirtschaft
| Kinder und andere Mitbewohner
| Schuld und Sühne
| Unter Spießern
Das ist der Sommer, in dem ich nicht mehr aufstehe. Diesen Sommer bleibe ich sitzen. Diesen Sommer wate ich nicht mehr knietief durch das seichte, verseichte Wasser städtischer Kinderbecken: Ich bleibe sitzen und schaue meinen planschenden Kindern zu, und solange nicht geröchelt und leblos auf dem Wasser getrieben wird, sehe ich keinen Grund, mich vom Liegestuhl zu erheben. Diesen Sommer tauche ich nicht mehr stundenlang Schaukeln an, höcher! noch höcher! Nein. Ich sitze auf einer Bank im Schatten, lese Feuilletons oder unterhalte mich mit den anderen Müttern, die diesen Sommer auch sitzen bleiben. Gut, heuer laufen wir gebückt hinter Kinderfahrrädern her, jaaa! supaaaaa!, priiiiiiima machst du das, ganz toll, du musst nur lenken!, lenken!!, LEN-KEN!!!, aber sonst bleiben wir sitzen. Und ok, wir dürfen noch einmal die schon vergessenen Wonnen der Wasserrutschen erleben, und noch einmal, und noch einmal, und noch einmal, und
noch einmal, aber sonst bleiben wir sitzen. Plus schnallen wir relativ oft Inline-Skates an und ab, sowie das ganze Schutzzeugs: vier mal Rollschuhe rauf, vier mal Ellenbogenschutz rauf, vier mal Knieschoner rauf, vier mal Handgelenkschoner drauf, vier Minuten Rollschuhlaufen, fad, mag nicht mehr, vier mal Handgelenkschoner runter, vier mal Knieschoner runter, vier mal... ich denke, Sie haben die Idee. Aber sonst bleib ich eigentlich meistens sitzen.
Am liebstens säße ich an Nachmittagen auf meinem Balkon oder grübe dort auf in meinen Töpfen rum, aber das erlauben meine Kinder nicht. Ich hol sie vom Kindergarten ab, sie sagen, was machen wir heute, ich sag: Nichts. Die Kinder: Wie, nichts?! Ich: Nichts, im Sinne von nichts. Wir gehen nach Hause. Die Kinder: Nicht nach Hause! Wer kommt mit? Ich: Heute niemand. Gestern waren wir bei Oskar, vorgestern waren wir mit den Hofingers baden, vorvorgestern waren der kleine Horwath und der Pauli bei uns. Heute gehen wir einfach nur ganz allein heim. Die Kinder: Plärr, am-Boden-wälz, plärr. An guten Tagen gehen wir trotzdem nach Hause. An den anderen ertrotzen sie einen Mindestaufenthalt am Spielplatz. Immerhin, ich sitze. Wenn auch nicht bei meinen Rosen.
Apropos Rosen, ich war ja grad ein Wochenende lang in Zürich, und besuchte da auch Carmen, die auf ihrer Terrasse auch Rosen hat. Schöne, wohlriechende Rosen. Und unmittelbar post Rosenbewunderung, als wir uns im Liegestuhl grad was Kühles genehmigen, kommt Haemmerli an und im Überschwang der glücklichen Gärtnerin will Carmen nun auch ihren Schatz am Wohlgeruch teilhaben lassen und sie ruft: Schatz, du musst mal an den rosa Rosen riechen, die duften herrlich! Und, Haemmerli, ganz Gentleman, eilt auch sogleich zur Blüte hin, steckt seine Nase hinein, und ruft: ja, Schatz, wirklich, wunderbar! Und Carmen ruft, Schatz, das sind die Petunien! Und Haemmerli ruft: Scheiß drauf, gebt mir was zu trinken! Pas moi; ich steh diesen Sommer nicht auf.