Doris Knecht
| 06/06
| Presse-Kommentar
Autofahren muss man lernen. Das Gefühl für den richtigen Umgang mit Kindern dagegen soll einem wachsen wie ein Wimmerl. Tut es aber nicht immer. Erziehungskurse sind derzeit unter Eltern sehr beliebt: das Problem ist, dass sie von denen, die das am dringendsten brauchen würden, nicht belegt werden. Nicht freiwillig. Wer seine Kinder vernachlässigt oder misshandelt, kommt ja normalerweise eher nicht auf die Idee, eine Erziehungsberatung in Anspruch zu nehmen. So jemand ruft höchstens die Fernseh-Nanny zu Hilfe; besser wie nix.
Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass Eltern, die einen Erziehungskurs besuchen, den nicht brauchen würden: Selbst den begeistertsten und liebevollsten Eltern wächst das Gefühl für den richtigen Umgang mit Kindern ja nicht von selbst wie ein Wimmerl. Das Großziehen
von Kindern ist kompliziert, und man ist davon verlässlich von Zeit zu Zeit überfordert: überforderter, als sich das irgendwer vorstellen kann, der noch keine Kinder, aber schon große Pläne für sie hat. Wahrscheinlich haben die meisten, die sich für ein Kind entscheiden, den Willen, ihrem Nachwuchs gute, fürsorgliche, liebevolle Eltern zu sein, aber der aufreibende Alltag mit Kindern kann einen die besten Vorsätze manchmal einfach vergessen machen. Denn im Alltag ist man als Elternteil sehr oft sehr viel weniger belastbar, tolerant, geduldig, verhandlungsbereit und ausgeschlafen, als man gerne wäre. Und man muss sich oft eingestehen, dass man keineswegs immer das perfekte, souveräne Elternteil ist, als das man sich pränatal imaginierte. Kinder bringen einen oft an die eigenen Grenzen: Manchmal so sehr, dass man nicht mehr weiter weiß.
In Oberösterreich hat das „Schul- und Erziehungszentrum“ deshalb kürzlich verpflichtende Elternkurse gefordert, eine Art Erziehungsführerschein für alle Eltern, denn eine Studie zeigte, dass den befragten Eltern in den Bereichen „Achtung“ und „Zuwendung“ zwar nichts vorzuwerfen ist, allerdings neigten sie dazu, ihre Kinder zu bevormunden. Zudem mangelte es an Förderung, Unterstützung und Kommunikation. Das allerdings, so meinen die Studienautoren, könne, ja: das müsse man lernen: wobei die Idee so weit geht, eventuell sogar das Kindergeld an die Absolvierung einer Elternschule zu koppeln. Denn, wie gesagt: Wer macht das schon freiwillig?
Aber mal abgesehen davon, dass zuerst die derzeitige Kindergeldregelung reformiert gehört, ist die Idee, dass man den Umgang mit Kindern genauso erlernen sollte, wie das Chauffieren eines Autos, nicht dumm. Situationen, in denen man nicht weiter weiß, werden zuverlässig kommen - vorher schon Rezepte parat zu haben, wie man damit fertig werden könnte, schadet sicher nicht. Denn im Unterschied zu einem verbreiteten Missverständnis, sind es ja meistens nicht die Kinder, die „repariert“ werden müssen, sondern die Eltern, deren Verhaltensmuster, sowie ihre Ansichten über die Bedürfnisse ihrer Kinder: was für Heranwachsende gut, hilfreich und vernünfig ist. Nicht alle kommen auf diese Dinge von selbst drauf: Einen verpflichtenden Erziehungskurs im Eltern-Kind-Pass? Das kann eigentlich nur nützen: ja.
(presse, 10.6.06)