12.07.06

Mieten ist doch irgendwie charakterlos

Doris Knecht | 07/06 | Arbeit & Wirtschaft | Kinder und andere Mitbewohner | Unter Spießern

Die Wohnungen, in die ich dieser Tage eingeladen werde, sind dazu angetan, die ungutesten Aspekte meiner eh schon beklagenswerten Tierkreisdisposition zu herauszuarbeiten. 150 qm Architekten-Neubau mit Riesenterrasse und grünem Rieseninnenhof, 200 qm Loft mit Terrasse und Garten, 400 qm Altbau mit einer Art Privat-Au. Neid. Willauch. Warumhabendiewasichnichthabe. WarumistdasSchicksalsogemeinzumir. Das Übliche. Aber das Wohnen mit Wiese steht im Moment nun Mal in meiner Prioritätenliste ganz oben; hat wohl was mit der Hitze zu tun und damit, dass mir die Kinder alle Tage zur Kenntnis bringen, dass sie auch so einen Garten wollen wie der Jakob und die Fritzi, nicht nur so einen popeligen kleinen Balkon wie wir. Einen Gar-ten. Ja, ich habs kapiert. Mir steht der Sinn allerdings mehr nach einer Wochenendhütte am Land, in der richtigen Natur sozusagen, und Honzo mailt, haha! 10 Bobopunkte! Und wenn du dann einen Lärchenriemenboden reinlegst nochmal 15 drauf! Ich maile, Honzo, du hast keine Ahnung, die Lärchendiele ist unter Bobos nämlich ganz out. Eichenparkett, Honzo!, der Bobo ist ja kein Hippie. Da könnte er ja gleich Kangoo fahren, aber er fährt natürlich Volvo Kombi, dass du das bei der Neuwagenbeschaffung bitte beachtest; aber sorry, das weiß Honzo natürlich. Aber: Der Industrieparkett zum Beispiel hat beim Bobo schwer an Ansehen eingebüßt; da werde man doch, wie mir einer kürzlich erklärte, den Rest des Lebens permanent an die Neunzehnneunziger erinnert, das sei doch quälend. Deswegen Eichenparkett, nur Eichenparkett, und nur in Fischgrät-Verlegung, ganz konservativ, nein, falsches Wort: zeitlos und wertkonstant, Weil man mietet jetzt ja auch nicht mehr, man kauft. Mieten ist irgendwie charakterlos, was für Leute, die sich nicht entscheiden können und im Restaurant immer e-wig die Karte studieren, ja. Das weiß Honzo aber auch schon. Also Eichenparkett, Fischgrät, aber aufpassen: unbedingt 3. Wahl bei der Sortierung. Selbe Holzqualität wie bei der Sortierung „Exquisit“, aber die Maserung ist uneinheitlicher und also auf eine gute Weise aufwühlend, und es verleiht einem perfekten Boden einen Touch von Nonchalance, weißt du, eine gelassene Zufälligkeit, eine Art hidden Reminiszenz an die Zeiten, als es einem noch scheißegal war, wie der Boden unter den Füßen aussah, aus der Nähe sah man den eh immer nur Wochenends um vier Uhr früh herum oder wenn die Eltern auf Besuch kamen, und natürlich ist die C-Sortierung auch eine solidarische Geste gegenüber den weniger gesegneten Freunden, die ohne Bodenbelagswahlfreiheit zu Miete wohnen müssen. Jetzt übertreibst du aber, mailt Honzo, und reden wir hier nicht von einer alten Hütte am Land?, da legt doch keiner Eichenparkett rein, du Pfeife, und okay, da hat er Recht. Und es stimmt auch, dass ich, mein Sternzeichen ist schuld, nur neidig bin, mit meinem abgefuckten Lärchendielenboden in meiner Mietwohnung mit Balkon; und Honzo mailt, ach, Lärche!: lieb.
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« 12.07.06 01:17
Wir begrüßen die Knecht und ihr Blog. Ihre feinen Falterkolumnen sind jetzt hiernachzulesen. Und bald gibts ihr neues Mutti-Buch. Welcome!...
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