Doris Knecht
| 07/06
| Arbeit & Wirtschaft
| Kinder und andere Mitbewohner
| Mensch & Tier
| Prost Mahlzeit
| Schuld und Sühne
Trotz des Ungemachs bezüglich seines Bulldingshundes lud der Herr Kabarettist den Langen und mich zur Feier seines Geburtstages. Und kürzlich erst hatten wieder mit irgendjemandem, der sie gleichmaßen großartig fand, über die großartige Möetly-Crüe-Bio „The Dirt“ gesprochen, da fanden wir, das sei für einen Kabarettisten mit Stil und Geschmack ein feines Präsent. Also überreichten wir das Buch mit so zittriger Vorfreude auf die unvermeidlich folgende Verzückung, als sei es ein Packen Fotos unserer Kinder. Erst als der Kabarettist das Geschenk enthüllte, fiel uns spontan ein, dass es der Kabarettist gewesen war, mit dem wir jüngst so begeistert über die schöne Möetly-Crüe-Bio konversiert hatten. Scheißpeinlich, wenn Sie mich fragen.
Dafür musste ich dann wieder mal erklären, warum ich denn immer so schiarch über mein Familienleben schriebe. Für alle, die neu dazugekommen sind: Weil der Unterhaltungswert der idyllischen Familie als solche unterirdisch ist. Weil Sie es in Wirklichkeit zero amüsant finden, Familien beim Miteinander-Liebsein zuzusehen. Weil Sie sich dagegen an
familiärer Dysfunktionalität in jeglicher Verabreichungsform aufgeilen, sowie an allen bekannten Stadien der Erziehungsberechtigten-Degeneration. Ist doch so.
Gut ist: wenn man der Degeneration bisschen ins Auge schaut, wie Kollege N., der mir kürzlich ausdrücklich aufgefordert ein Mail mit dem subject „Hilfe, ich verschicke Babyfotos!“ zukommen ließ, das ästhetisch einwandfreie Fotos seines nagelneuen, überaus attraktiven Säuglings enthielt. Degenerationstechnisch bedenklich dagegen: das Mail eines lange verschollenen Bekannten, ehemals berüchtiger Fortpflanzungsgegner, der auf ein probeweise ins Blaue geschossenes „Gibt’s-dich-eigentlich-noch?“-Mail den Schnappschuss seines grinsenden Babies zurückmailte. Kommentarlos, als wären damit alle offenen Fragen von selbst beantwortet. Was sie dann sozusagen auch waren.
An der Grenze zur Soziopathie: Personen, die einem ungefragt einen Packen verblitzter Babyfotos vors Gesicht halten. Wurscht wie lang man sie nicht gesehen hat und durchaus auch während gegenseitigen Anschwitzens im Gemenge eines Raconteurs-oder-sowas-Konzertes. Die weichen dann nicht eher, als man jedes mit verzücktem Strahlen abgenickt hat, selbst jene, auf denen praktisch ausschließlich riesige Mutterbrüste mit riesigen Warzenhöfen zu sehen sind. Jesus und Maria, will ich das sehen? Nein.
Exhibitionierte Degeneration schließlich: Uschi von früher, die treffe ich überraschend bei einer Hochzeit: he, lässig, wie geht’s denn dir so? Du, ursuper, und einszweidrei knallt Uschi von früher den Hunderter-Stapel Babyfotos auf den Tisch, hundertprozentig hat die den schon hinter ihrem Rücken bereitgehalten, gelauert hat die, und während ich, mitten im Hauptgang, über verblitzten Lichtbildern riesiger Warzenhöfe erblasse, erscheint ihr Zweieinhalbjähriger bei Tisch, brüllt Hunger, zerrt eine von Uschi-von-frühers Brüsten unter dem Pulli hervor, präsentiert dem faszinierten Publikum einen suppentellergroßen Uschi-von-früher-Warzenhof und beißt hinein. Mir kein Dessert, danke.
Natürlich mailte ich dem Kollegen N., da ja nun quasi alle Barrieren gefallen waren, ungeniert fünf Fotos meiner Kinder zurück. Kollege N., der schon weiß, was sich gehört, remailte auch brav, das es schöne Kinder seien, und er habe sie sich aufgrund meiner Kolumnen entschieden gemeiner vorgestellt. Erstens: siehe oben. Zweitens: Never jugde a book by its cover. Nein, im Ernst: Es sind voll die tollsten, süßesten, gescheitesten Kinder. Wollen Sie`s genauer wissen? Sag. Ich. Doch.