24.07.06

So treibens die Jungen

Doris Knecht | 07/06 | Kunst & Kultur | Prost Mahlzeit | Schuld und Sühne | Stadt/Land

Dann seien doch Sie mal sichtbar post 30 und sitzen in einer nicht unbelebten ländlichen Gegend an einem Freitagabend an einer Bushaltestelle. Die Blicke aus den vorbeifahrenden Autos können Sie sortieren: zu kreditunwürdig für ein Auto, zu blöd für den Führerschein, zu feig, um betrunken heimzufahren. Oder: letztes Mal dabei erwischt worden. Dass man aus der Stadt kommt und lieber öffentliche Verkehrsmittel benutzt, auch wenn man gar nicht muss, kann sich dort draußen keiner vorstellen. Im Bus sitzen dann auch praktisch nur Jugendliche, Kleinkriminelle und Mitbürger mit Migrationshintergrund und ein Betrunkener, der periodisch vom Sitz fällt. Später steigt noch eine Blasmusikantin mit faszinierenden Waden zu, die fährt, wie mir bald klar wird, zur Arbeit, denn in Feldkirch ist Weinfest, was weit önologischer klingt, als es ist: Es geht hier keineswegs um die Qualität des verkosteten Weins, sondern um die dem Individuum gerade noch zumutbare Menge.

Begleitend spielen in der Fussgängerzone alle Blasmusiken des Rheintals gleichzeitig, wenngleich nicht dasselbe, und weil das noch nicht schlimm genug ist, wird mir auch noch ein Riemen meiner Sandale kaputt, was es zusätzlich erschwert, mich durch die dampfende Menge zu fädeln, ohne angeschwitzt zu werden. Ich kann jetzt bestätigen, dass Menschenansammlungen möglich sind, von denen man entschieden unlieber angeschwitzt wird als von anderen. Während ich es zum Beispiel für gerade noch tolerabel halte, im Publikum des Final-Fantasy-Gigs fremdbefeuchtet zu werden, lass ich mich von den Besoffenen des Feldkircher Weinfests überaus ungern antranspirieren, das ist extrem ekelhaft, man will nichts als auf der Stelle duschen. Bevor ich an einem Tisch des Rauch meine Sandale mit – mal sehen, was sich in dieser Tasche findet, ja, das müsste gehen – Pu-der-Bär-Pflaster flicke, rufe ich Christl an, dass sie lieber nicht ins Rauch kommt, sondern gleich in die Poolbar, denn hier wird grad mein ansonsten ungebrochener Wille zur Idealisierung des Alkoholkonsums gehörig ins Wanken gebracht. Ich bin jetzt bereit einzuräumen, dass das Trinken doch nicht für alle das Richtige ist. Für den Tätowierten da drüben zum Beispiel gar nicht.

Dieser Meinungswandel wird im Laufe des Abends durch einen Anruf des Langen aus Wien stabilisiert: der Nachbarpubertierende hat wieder sturmfrei, und es gab wieder Party, und sie haben im Suff wieder Bierflaschen vom Balkon geworfen, diesmal mit ungünstiger Wirkung auf unser Auto. Wie saudumm sind eigentlich die Jungen? Waren wir auch so saudumm? So saudumm waren wir nicht, oder? Christl sagt, na, nicht, aber weißt du noch, wie wir nach der Schule immer drüben im Einkaufszentrum vorm Musikladen rumgelungert sind und der Lucky hat manchmal im Interspar eine Flasche Jim Beam geklaut, und dann haben wir auf dem Klo vom „Game 2000“ immer..., aber an sowas kann ich mich überhaupt nicht erinnern, ich glaub nicht, dass ich da dabei war.

 
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