22.07.06

The World According to Grasser

Doris Knecht | 07/06 | Presse-Kommentar

Die Beliebtheit des Finanzministers wirft ein schlechtes Licht auf das Politikverständnis der Österreicher.

Wer Karl Heinz Grasser ist, was Grasser tut, wie Grasser die Welt sieht, woher Grasser kommt und wohin Grasser will, wie Grasser sich selbst großartig findet und wie Grasser sich das Dasein richtet, vor aller Augen, wie er die Unwahrheit sagt und es nachher ungeniert als Missverständnis darstellt: Das hat so ein schamlose Dreistigkeit; man tut sich schwer, eine Metaebene zu finden, von der aus man Grasser kritisieren könnte. Denn was willl man kritisieren? Dass sich ein Politiker, nimmt, was er kann? Und wer will ihn kritisieren? Neidige Journalisten? Neidige Politikerkollegen? Eine neidige Opposition?

Mit großer Selbstverständlichkeit agiert Grasser nach dem Prinzip, dass nur eine Instanz ihn richten könne: die Wähler. Und dass er sich keine Sorgen zu machen und sein Auftreten und Handeln nicht zu überdenken braucht, so lange die Wähler es nicht tun. Und richtig, sie tun es nicht.

Das ist beängstigend. Die Homepage-Affaire, der empörende Malediven-Urlaub mit kostenlosem AUA-Upgrade während der Tsunami-Katastrophe, das, haha, Nulldefizit: Die Österreicher verzeihen Grasser alles. Zwar hat er seit seiner Angelobung 2003 an Beliebtheit eingebüßt, trotzdem ist er noch immer das Polit-Schatzi der Österreicher.

Das wirft ein ungutes Licht auf das Politikverständnis des österreichischen Wahlvolkes – und es macht Angst, dass Grasser Nachahmer findet.

Denn offenbar spielen Kompetenz, Problemlösungsfähigkeit, Aufrichtigkeit, politisches Standing, Glaubwürdigkeit und Moral im politischen Wertekanon der Österreicher eher untergeordnete Rollen. Was den Österreichern bei Regierungspolitikern dagegen zentrale Eigenschaften zu sein scheinen: das adrettes Auftreten,die Berührungsangstfreiheit gegenüber dem Boulevard, die glamouröse und zeigefreudige Gattin, den gemeinsamen Wunschh, zu zeigen, was man hat und in großen Samstagabendshows über Privates zu sprechen. Im Prinzip wollen die Österreicher und Österreicherinnen von einem Politiker, dass er sich wie ein Prinz geriert, weil diese Zunft einfach einen unwiderstehlichen Unterhaltungswert hat. Den bietet Grasser und dafür verzeiht man ihm den einen oder anderen moralischen und politischen Fauxpas. Trägt am Ende ja alles weiter zur Erbauung des Publikums bei. Dieses Publikum ist es auch, an Grasser anlässlich der Yacht-Affäre dann „News“ die treuherzige Frage richtet: “Darf sich ein Minister nicht mehr zum Mittagessen einladen lassen?“ Und das Publikum nickt empört. Ja, wirklich, was ist das für eine gemeine, niederträchtige Welt?!

Das macht Angst. Es macht Angst, dass sich das Politikverständnis der Wähler längst dahingehend verändert hat, dass es sich nicht mehr darum geht, die bessere Politik zu wählen, sondern die bessere Unterhaltung. Dass Politik ein Geschäft ist, wissen wir längst, dass Politik auch Show ist, ist uns auch schon aufgefallen. Aber jetzt wollen die Leute offenbar aus den Klatschspalten heraus regiert werden. Grasser zeigt, wie´s geht.

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