Doris Knecht
| 07/06
| Kinder und andere Mitbewohner
| Mensch & Tier
| Stadt/Land
Honzo sagt, wo Natur ist, muss man sie auch zulassen, aber mir reichts jetzt. Sie sollten mal meine Beine sehen, also lieber nicht. Rot, verbissen, verschwollen; was total gelegen kommt, jetzt, wo man sich alle Tage im Bikini präsentieren muss. Wo ich sitze und liege, werde ich von Ameisen gebissen. Sie sind überall. In Wald und Wiese: gut, soll sein. Auf meinem Balkon: gerade noch okay. Zwischen den Polstern auf der Balkon-Bank: hmmm. Im Bett: nein. Auf meinem Schreibtisessel: Es reicht.
Überhaupt, und das richtet sich an die Evolutionsbiologinnen unter meinen Lesern, weil früher wars doch so. Da haben doch nur die roten Feuerameisen gebissen, vor denen war man auf der Hut, das brannte, das juckte, aber die schwarzen waren harmlos. Die taten nichts. Aber jetzt sind auf einmal die schwarzen die üblen Giftbeisser, ja, es scheint überhaupt keine harmlosen Ameisen mehr zu geben, den Ameisen scheint die Evolotion seit den Neunzehnsiebzigern jeglichen Pazifismus und alles devote
Duldertum ausgetrieben zu haben. Ameisen sind jetzt durch die Bank aggressiv. Oder wie ist das? Und warum? Ich meine, die globale Ameisenpopulation ist doch bitte sowas von unfährdet, was für einen Grund für eine derartige Radikalisierung einer kompletten Spezies könnte es also geben?
Bei uns steht jetzt jedenfalls alle fünf Meter eine Ameisenfalle, und ich erklär den Mimis: Herschauen, da: Ameisenfallen. Die sind giftig. Nicht anfassen!, sag ich.Okay, sagen die Mimis. Nicht spielen damit! Wir habens kapihiert!, sagen die Mimis. Weil, sag ich, auf der einen Seite krabbeln die Ameisen rein, dann fressen sie das Gift, dann krabbeln sie auf der anderen Seite raus, und dann tragen sie das Gift zu ihrem Stamm und alle tot. Coolo, sagen die Mimis. Sie haben ein recht prosaisches Verhältnis zum natürlichen Fressen-und-Gefressenwerden, solange es nicht die Babykatzen ihrer Freundin Paula betrifft: Sie wissen, dass das, was sie da essen, ein totes Huhn oder ein gekillter Fisch ist, und es scheint sie nicht zu tangieren. Ich glaub, die Moral wächst ihnen erst so mit acht oder zehn: Kürzlich hab ich einen interressanten Bericht über zwölfjährige Vegetarierinnen gesehen, die ihre fleischfressenden Eltern auf der Moralebene fertigmachen. Das wird noch lustig, vor allem für den Langen.
Während der Lange auf dem Gebiet fleischloser Ernährung an unheilbarer Unvernunft leidet, werden die Mimis immer vernünftiger. Man erklärt ihnen was, und sie begreifen es. Wegen den Ameisenfallen kann ich unbesorgt sein, sie werden sie nicht abschlecken, sie haben es begriffen. Sie haben auch kapiert, dass die kleinen grünen Kugerl in den Blumenkästen am Balkon keine Zuckerln sind, sondern für Menschen giftig. Da kann ich unbesorgt sein. Sie sind extrem vernünftig. Wie ich also gestern den Balkon ausgiebig giesse und die Mimis hinter mir rumalbern, bin ich total unbesorgt, und als ich mich umdrehe, liegen sie am Boden und lassen sich das Gießwasser aus den Töpfen am Fensterbrett in den Mund plätschern. Ich: SEIDS! IHR! DEPPERT! DAS IST DOCH GIFTIG! Die Mimis: Aha, so, hmm, ja dann. Ich: WIE ALT SEIDS IHR DENN, HIMMEL NOCHMAL! Die Mimis: vier! Ich: ähm, ah ja, stimmt. Hatt ich kurz vergessen.