17.07.06

Was würde Larry David tun?

Doris Knecht | 07/06 | Arbeit & Wirtschaft | Kinder und andere Mitbewohner | Prost Mahlzeit | Schuld und Sühne | Unter Spießern

Die Kinder sind fünf Tage bei Oma in den Ferien, und selbstverständlich machen wir all die Sachen, die Erwachsenen in Anwesenheit ihrer Kinder streng verboten sind: Wir sitzen jeden Tag schon um halbsieben in Unterhosen vor dem Fernseher, zupfen mit fettigen Fingern Pizza und Cheeseburger aus dem Karton und schauen uns acht bis bob-schuhzehn Folgen von „Curb your Enthusiasm“ in Serie an. Ja, geil. Es geht da um Larry David, einen „Seinfeld“-Produzenten mit ungesundem Hang zur Rechthaberei, und in Anbetracht eines Konflikts um einen Liegestuhl im Kongressbad ein paar Tage zuvor, konstatierte ich beunruhigende Parallelen zu meiner eigenen Charakterkonstruktion. Ja, ich hab den Streit angefangen. Ja, ich war im Unrecht, obwohl andererseits wirklich alle Welt weiß, dass ein Liegestuhl ohne Badetuch ein freier Liegestuhl ist, egal ob er zwischen zwei akut bewohnten Liegestühlen eingekeilt ist oder nicht. Ja, die beiden dummen Schnepfen hatten Recht, als sie sich den Liegestuhl, kaum dass ich mich für zwanzig Sekunden von ihm entfernte, wieder  zurückeroberten. Allerdings war das Recht nicht der Grund, warum ich mir den Liegestuhl nicht, wie Larry David es getan hätte, erneut erkämpfte, eher der Umstand, dass die Schnepfen so aussahen, als lümmelten bei ihnen daheim vorm TV gelangweilte Freunde mit dicken Fäusten und dem latenten Verlangen, diese auf einen kurzen Anruf hinauf auch mal für was anderes als den Cheeseburgertransfer einzusetzen, wenn erforderlich eben zur Disziplinierung unbelehrbarer Feindmütter. Statt mich verprügeln zu lassen, giftete ich mich zwei Stunden lang auf meinem gebodigten Badetuch, überlegte rechtliche Schritte, formulierte öffentliche Protestbriefe und stellte meinerseits Schlägertrupps zusammen, ständig im zittrigen Wahn, dass hinter mir hämisch gefeixt werde. Ich komm von sowas schlecht runter. Larry David noch schlechter; was „Curb Your Enthusiasm“ zu einer unbedingt empfehlenswerten, wenngleich etwas nervenzersetzenden Angelegenheit macht.

Aber einmal gingen wir auch aus und erzählten Mark Stewart nichts von unseren wahren Aktivitäten im kinderfreien Raum, sondern ließen ihn, als er derlei vor seinem furiosen Konzert im B72 mutmaßte, in dem Glauben, wir erzeugten fleißig weitere Kinder. Hohoho, sagte Mark Stewart, und wir taten erwischt. Erstens wollten wir ihn nicht enttäuschen, zweitens ist die Wahrheit oft sagenhaft unsexy, drittens schloss ich daraus, dass Mark Stewart selbst keine Kinder hat, jedenfalls nicht aktiv.

Als wir sie bei der Großmutter abholten, besassen unsere Kinder übrigens jede Menge Dinge, die wir ihnen das ganze Jahr über unter Aufbietung aller Kräfte so entschieden untersagen, wie die Aufnahme von Nahrung vorm TV. Wobei wir vor Lügen nicht zurückschrecken: So schade, die rosalila Barbie-Sandalen aus Polyester und die Vollplastik-Baumeister-Bob-Sneakers gibt’s in eurer Größe leider nirgends. Da, wo Oma wohnt, gab es sie.
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