Doris Knecht
| 08/06
| Freunde
| Tagesanzeiger-Kolumne
Dann kränke ich mich und es fällt mir ein, dass ich, als Manu nicht wusste, ob sie den Job annehmen soll oder nicht, einen ganzen Abend mit ihr an meinem Küchentisch sass und wir sprachen über den Job, über die Fürs und Widers, und gekocht hatte ich ihr auch. Überhaupt kochen ihr der Lange und ich ständig was, immer wieder sind Manu und Gruber zum Essen bei uns eingeladen, und dann sitzen sie bei uns am Tisch und essen Vorspeise, Nachspeise und Dessert und trinken Wein, gut, einen Wein bringen sie immer mit, aber wann bin eigentlich ich das letzte Mal an Manus Tischchen gesessen und hab von Manus Tellerchen gegessen und aus ihrem Becherchen getrunken? Dass muss, ohne Scheiss, 2000 gewesen sein, nein warte!, 1999 war das!, lange, bevor ich die Mimis hatte und lange bevor mich Köppel nach Zürich geholt hat und ich anfing, diese Kolumne zu schreiben, ja: 1999 war das, und es gab Osso Bucco und danach gabs nie wieder was. Nicht bei Manu, aber bei uns schon, immer wieder, aber wir, wir haben ja die Mimis und
müssen sowieso kochen, während Manu und Gruber keine Kinder haben und ihre Abende folglich mit wichtigeren Dingen als der Nahrungszubereitung verbringen, mit wichtigen Terminen und an wichtigen Parties. Aber ich muss nur einmal eine blöde Bemerkung machen und schon spricht Manu wochenlang nicht mehr mit mir, wegen einer einzigen Bemerkung. Aber das kann ich, mit den Bemerkungen, erst kürzlich hab ich wieder was bemerkt, und jetzt fahren die Brandners nicht mit uns in die Berge, weil mit so jemand können sie nicht in die Berge fahren. Das kann ich gut, das mit den Bemerkungen, vielleicht sollte ich sie aufschreiben und das zu einem Beruf machen. Haha. Hahaha.
Egal, nach Wochen ruft Manu doch an, sie will unseren Konflikt ausräumen, das find ich gut, und wir treffen uns zum Essen beim Japaner. Dann reden wir über die Mimis, übers Autofahren, über Manus neuen Job, über Sedlacek, über Sedlaceks neue Blondine, über meinen neuen Job, über den Langen und wo Gruber schon wieder ist, über Honzo, über die Horvaths, über Haemmerlis Film, über Mizzi und über Lotte, die bald heiratet, und erst, als ich mit meinem Sushi fast durch bin, reden wir über unseren Krach. Manu kritisiert das mit der Bemerkung, und ich kritisiere, wie extrem unverhältnismässig ich das finde, diese eine Bemerkung im Vergleich mit all den Einladungen, und Manu sagt, und das bringt mich total aus dem Konzept, dass ich eigentlich Recht habe, und dann entschuldigen wir uns beide, und das wars schon: wir sind wieder Freundinnen. Ich geh dann doch nicht zum Konzert der Scissor Sisters, sondern mit Manu in ein Lokal am Kanal, wir sitzen dort in Liegestühlen, die Musik ist schön, die Luft ist lau und wir reden über meine allerletzte Tagi-Kolumne. Weil ich nicht weiss, wie ich mich verabschieden soll, nach all der Zeit, von all den Figuren, von Haemmerli, Sedlacek, Mizzi und die anderen Frauen, den vielen guten Frauen, und von all den tapferen Menschen, die das immer gelesen haben, immer wieder, und Manu sagt, das ist sicher nicht leicht. Nein, ist es nicht. Ist es gar nicht. Ist es so überhaupt nicht, dass mir nicht mal mehr eine blöde Bemerkung einfällt.