26.08.06

Den Elendsstaffellauf unterbrechen

Doris Knecht | 08/06 | Kinder und andere Mitbewohner

Ein deutscher Modellversuch greift aktiv in den Alltag von Risikoeltern ein – um das Leben ihrer Kinder zu schützen.

In Deutschland läuft derzeit ein Versuch, der das Leben von Kindern von Risikoeltern sicherer und glücklicher machen soll – oder überhaupt retten. Denn nachdem sich in den vergangenen Jahren die Medienberichte von misshandelten, verwahrlosten, missbrauchten und verhungerten deutschen Kinder häuften, wollten die Behörden nicht länger zuschauen und abwarten: Abwarten, bis wieder ein Kind tot oder halbtot aufgefunden wird, weil seine Eltern mit seiner Pflege komplett überfordert waren. Oder: zu dumm oder zu drogensüchtig, um ihren Verpflichtungen als Eltern nachzukommen, zu betrunken oder zu bösartig, um sich um ihre Kinder zu kümmern oder auch nur noch begreifen, was ein Kind braucht und was ihm schadet. Zu kaputt dafür – oder selbst von den eigenen Eltern zu kaputtgemacht.

In diesen Kreislauf will man nun, wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ kürzlich berichtete, im Rahmen eines Modellversuchs, der derzeit in Düsseldorf läuft, eingreifen: Einerseits um Kinder von Risikoeltern ein sicheres, behütetes Aufwachsen zu ermöglichen, andererseits um den verheerenden Elendsstaffellauf zu beenden. Denn es sind, wie Psychologen und Soziologen seit Jahrzehnten beobachten, immer wieder die Kinder von misshandelten, missbrauchten, selbst vernachlässigten Kindern, die ihre eigenen Erfahrungen an ihre eigenen Kinder weitergeben, sie wieder misshandeln, missbrauchen und vernachlässigen – und so weiter. Wenn es gelingt, so die Überlegung hinter dem Modellversucht, diese Causalkette unterbrechen, kann vielleicht das Schicksal von Generationen von Heranwachsenenden beeinflusst werden.

Die Arbeit beginnt mit einer Checkliste im Geburtskrankenhaus, anhand derer Risikomütter erkannt werden sollen. Dann versucht man sie von der Teilnahme am Projekt zu überzeugen: danach kommt eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamts alle paar Tage vorbei, versucht ein Vertrauensverhhältnis zu schaffen und die Mutter – oder beide Eltern – in auch ganz banalen Alltagsanforderungen zu unterstützen und auf die Bedürfnisse ihres Kindes richtig zu reagieren. Damit ist man vor Ort, bevor etwas Furchtbares passiert, und: damit es nicht passiert – nicht erst, wenn es schon passiert ist.

Zehn Millionen Euro investiert das deutsche Familienministerium in den nächsten fünf Jahren in gezielten Kinderschutz: Gut investiertes Geld, denn, wie amerikanische Untersuchungen eindeutig ergaben, kann gezielte durch Frühförderung von Kindern sowohl  Krankheit, als auch Armut, Bildungsdefizite und Kriminalität stark verringert werden.

Wie erfolgreich das Projekt sein wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Eines dagegen schon, und das könnte man sich auch in Österreich zu Herzen nehmen: Besser, man unternimmt und versucht etwas. Besser als sich immer wieder davon überraschen zu lassen, dass Eltern mit amtsbekannter Suchtgift- oder Gewaltvergangenheit ihren eigenen Kindern Schreckliches antun. Denn das geschieht auch bei uns immer wieder.
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