11.08.06

Die Wahl zwischen Pech und Schwefel

Doris Knecht | 08/06 | Arbeit & Wirtschaft | Falter-Kolumne | Presse-Kommentar

In der Pflegedebatte bieten sich momentan eigentlich nur zwei Lösungen an: Entweder Frauen werden ausgebeutet, oder Frauen werden schlimmer ausgebeutet.

Im Rahmen der Pflegenotstandsdebatte wurde eine Zahl immer wieder genannt: von den 80 Prozent der Pflegepatienten, die zuhause betreut werden, werden 80 Prozent von Frauen versorgt. Denn: Nach wie vor ist das Pflegen und Versorgen von Hilfsbedürftigen eine praktisch ausschließlich weibliche Domäne. Vor allem, wenn solche Pflege unter- oder ganz unbezahlt ist.

Ja: Es wäre besser, wenn alle pflegebedürftigen Personen in Österreich von ausgebilden, gutbezahlten und sozialversicherten PflegerInnen versorgt werden würden. Aber das ist nun mal nicht möglich, da private Haushalte meist nicht in der finanziellen Lage sind, eine legale Rund-um-die-Uhr-Versorgung ihrer alten und dementen Angehörigen zu finanzieren. Die öffentliche Hand wiederum verfügt momentan nicht über die Mittel, eine solche Versorgung soweit zu subventionieren, dass sie für Privatpersonen leistbar würde. Was also tun?

Eine komplizierte Sache: Es handelt sich hier tatsächlich um eines jener sozialen Probleme, für die es keine simplen Lösungen gibt. Auf der einen Seite erscheint es sinnvoll, den derzeitigen Graubereich mit 40.000 illegalen Pflegekräften einfach nicht anzufassen, dort bloß nicht hinzusehen, weil die Sache einigermaßen funktioniert und einen tatsächlichen Pflegenotstand weitgehend verhindert. Anderseits kann man als wacher Bürger mit einem Verantwortungsbewußtsein, das über die eigenen vier Wände hinausreicht, nicht wirklich ein System gutheißen, indem eine Gruppe von Menschen entschieden benachteiligt und ausgebeutet wird - und zwar aufgrund ihrer Herkunft aus Ländern mit niedrigerem Lohnniveau und unzureichend ausgebautem Sozialsystem. Was wiederum im eigenen Land zu einem Lohndumping führt, das man als vernünftiger Mensch keinesfalls begrüßen kann.

Aber was passiert, wenn jetzt tatsächlich rigide verfolgt und bestraft wird, bevor Alternativen und Rahmenbedingungen geschaffen wurden? Zweierlei: Alte Menschen werden wieder vermehrt in Altersheimen untergebracht, was weder für die Pflegepatienten, die ihrer vertrauten Umgebung entrissen werden, von Vorteil ist, noch für die Allgemeinheit, die diese Plätze finanzieren muss. Und noch eine Gruppe von Menschen wird darunter zu leiden haben: weiblichen Verwandte. Denn wer kümmert sich um die alte Tante und den bettlägrigen Schwiegervater, wenn professionelle Hilfe unleistbar ist? Richtig, die jüngeren Frauen der Sippe, die es durch Haushalt und Kinder schon gewohnt sind, unbezahlte Sozialarbeit zu leisten: Die können sich dann neben ihrer Haus- und Erwerbsarbeit auch noch um hilfsbedürftige Verwandte kümmern, ihre Wohnungen sauber halten, ihnen Essen kochen, für ihre Hygiene sorgen – und dafür, dass sie eine Ansprache haben.

Und im Unterschied zu Hilfskräften aus den neuen EU-Ländern bekommen diese Frauen für ihre Hilfe meistens gar nichts. Haben wir also die Wahl zwischen Ausbeutung und schlimmerer Ausbeutung? Es muss noch eine andere Lösung geben.
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