Doris Knecht
| 08/06
| Kinder und andere Mitbewohner
| Mode & Design
| Prost Mahlzeit
Mich plagen andere Sorgen, weil ich hab zwölf Paar Jeans und davon sind augenblicklich elf Paar untragbar und die anderen sollten eher mal gewaschen werden. Neue Jeans müssen her. Aber das Jeanskaufen ist bekanntlich eine blöde Sau, weil Jeans in Jeansladenkabinen unbeurteilbar sind: Man sieht immer erst zu Hause und zu Hause erst nach drei Tagen, ob der Arschgott, an den man in der Jeansladenkabine selbstverständlich das rituelle Gebet richtete, gnädig war oder nicht. Diesmal: nicht.
Aber ich kann ja keine Jeans umtauschen, auf das eines der Mimis irrtümlich Kakao geschüttet hat, und die vom anderen irrtümlich mit einem offenen Edding gestreift wurde. Mit einem Buntstift passiert sowas übrigens nie. Mit einem Buntstift bemalen sich auch verlässlich nie den Esstisch; wahrscheinlich auf Basis der Resulate frühkindlicher Effizienzanalyse, die auch vorsieht, dass ein Kind immer erst aufs Klo muss, wenn es angezogen und angeschnallt im Auto sitzt. Und dass es sich wochentags morgens gern wecken lässt, am Wochenende aber schlag sechs Uhr munter wird. Und dass es nur dann Frühstück will, wenn man es
eilig hat. Und dass es, aber ich gerate hier wieder in diesen unguten Meine-Kinder-hassen-mich-Strudel, also Schluss. Jeans-Umtausch jedenfalls undenkbar. Und altes Spiel, da die Jeans sich nicht ändert, muss es der Hintern tun, und hohoho, da lacht der Arschgott, denn wenn das so einfach wäre, hätte es ja keiner neuen Jeans bedurft. Plus, was würde ein Umtausch bringen? Fängt ja alles nur wieder von vorne an, mit dem minimalen Unterschied, dass die Mimis ihre Kindheit jetzt ohne Edding überstehen müssen. Ja, Mäuschen, das Leben kann so eine blöde Sau sein, du tust mir so leid und nimmst jetzt trotzdem einen Buntstift.
Das beweist, dass der glückliche Verlauf so einer Kindheit sehr vom Hintern der Mutter und unfähigen Jeansdesignern abhängig ist. Passt der Mutter ihre Jeans, geht es auch dem Kind gut, und sie beschäftigt sich in der Zeit, die sie nicht mit dem Anprobieren andererer Jeans verbringen muss, mit ihren Kindern, gerät damit allerdings in einen Strudel weiterer Schwierigkeiten.
Die Kindergartenpädagogin: Die Mimi zeichnet für ihr Alter schon ganz toll. Die Mutter, gezeichnet vom Jeansdebakel, nimmt so eine Schmeicheleien natürlich persönlich und sagt umgehend das genau Falsche, nämlich: gell, ja, und Buchstaben können sie auch schon! Der Pädogogin verrutschen prompt die Mundwinkel, weil JEDER weiss, dass Vierjährige unter keinen Umständen wissen dürfen, was Buchstaben sind, weil dann langweilen sie sich später in der Schule. Die Mutter stammelt, dass sie selbst ja gar nicht, aber die Mimis wollen, doch sicher begreifen die gar nicht, aber natürlich: Es ist zu spät, die Mutter als ehrgeizzerfressene Eislaufmutter enttarnt, die den Frust über ihren monströsen Hintern mit rücksichtsloser Kinderüberforderung kompensiert und so weiter. Jajaja, ich übertreibe mal wieder, aber das liegt an den dummen Jeans.
ich mag Ihre Kolumnen. Noch bevor ich Ihre Geschichte mit dem Arschgott selbst gelesen habe, hat mich meine Tochter (28) angerufen - ich soll Ihnen doch schreiben. Dass bei uns in Retz 6 sehr nette Frauen darauf schauen, dass Sie nach dem Jeanskaufen nicht nur glücklich rausgehen sondern auch gern wiederkommen.
Jedenfalls haben wir in der Firma Ihre Kolumne zu Anlass genommen über den Frust unserer Kundinnen nach zu denken und wie wir ihn verhindern können. Danke für den sehr unterhaltsamen Denkanstoß!
Retz ist ganz nah, im Herbst wunderschön, vielleicht probieren Sie es doch aus? Liebe Grüße, Christa Friedl