19.08.06

Solange wir noch können

Doris Knecht | 08/06 | Presse-Kommentar

Auch wenn die Regierung partout keine Pflegenotstand sehen möchte: Das Altwerden muss ein Thema bleiben - vor allem der Würde-Aspekt.

Die Pflegedebatte verebbt schon wieder – besser: sie wird von der Regierung mit einem vielstimmigen „Es gibt keinen Pflegenotstand“-Mantra zum Verebben gebracht. Es ist Wahlkampf. Es gibt wichtigere, Dinge, über die man reden möchte.
  Denn: Alte, vor allem pflegebedürftige Menschen sind eine denkbar uninteressante Wählerschicht. Jedenfalls keine, die man mit zielgruppenorientierten Themen umgarnen muss: Entweder gehen die Alten gar nicht mehr wählen, oder sie wählen, was sie immer schon gewählt haben oder sie sind schon so senil, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie ankreuzen. Alte Menschen sind eine undankbare Zielgruppe, und der Pflegenotstand – wir wissen schon, es gibt keinen – zudem kein Thema, bei dem die Regierung sich besonders bekränzt hätte.
  Andererseits ist es ein wichtiges Thema. Aber: Es interessiert einen, solange man jung ist, einfach nicht, weil man vom eigenen Älter- und Altwerden einfach keine Vorstellung hat. Zudem ist man als Junger zum Beispiel immer davon überzeugt, Altersheim wäre keine Sache, die einen je selbst betreffen würde, weil einen der Lebensweg im Alter zweifelsfrei an einen bequemeren, luxuriöseren Ort führen wird. Man stellt sich nicht die Frage, wer dann eigentlich die in Altersheimen versorgten Greise und Greisinnen sind, und ob sie sich nicht einst das Gleiche gedacht haben könnten.
   Wenn man doch anfängt, darüber nachzudenken, was sein wird, wenn man richtig alt ist, wenn man ein Alter und vielleicht schon einen physischen und mentalen Verschleißgrad erreicht hat, der eine spätere Pflegebedürftigkeit plötzlich vorstellbar macht, ist man bereits Teil jener Parallelgesellschaft, die für die jüngeren nicht von Interesse ist.
   Aber sein sollte. Zumindest ein Aspekt sollte zum gesellschaftlichen  Konsens von Jung und Alt werden: Wir sollten den Alten nichts antun, was man nicht auch uns selber später antun soll. Und es muss selbstverständlich auch für Alte und Kranke gelten, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. (Aber, halt, das gilt ja nur für Deutschland, anders als dort ist in Österreich die Menschenwürde nicht in der Verfassung verankert).
   Dass das möglich ist, beweist ein jüngst in mehreren Medien porträtiertes Wohnprojekt der evangelischen Diakonie: Da wohnen alte, pflegebedürftige Menschen in kleinen, betreuten Wohngemeinschaften, und zwar in Einzelzimmern mit eigenen Möbeln, übernehmen Aufgaben im Haushalt und dürfen ihre Würde behalten. Und das kostet offenbar nicht mehr als ein „normaler“ Heimplatz.
   Und „normal“ ist in manchen Altersheimen: Erwachsene Menschen zur Senkung von Betreuungskosten um 18 Uhr ins Bett zu stecken, sie preiswert massenzuverköstigen ohne Rücksicht auf individuellen Geschmack und sie ihren bisherigen Wohngewohnheiten völlig entfremdet zwischen pflegeleichter Standardmöblage aufzubewahren. Das ist: würdelos.
   Kann das irgendwer für sich selbst wollen? Nein. Deshalb müssen wir es ändern, solange wir noch können.
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