23.08.06

Oh Gott, wenn der Dragan das sieht

Doris Knecht | 08/06 | Arbeit & Wirtschaft | Beschwerden | Frauen / Männer | Kunst & Kultur | Mode & Design | Unter Spießern

Das Mädchen auf dem Wahlplakat wirkt nicht froh. Sie sitzt neben Wolfgang Schüssel auf der Albertinatreppe, zupft unentspannt an ihrem rotweißroten Plastikarmband rum und lacht verlegen: Es ist ihr anzusehen, dass ein begeistertes, animiertes, bisschen verführtes Lachen von ihr erwartet wird, so als hätte Schüssel gerade eine für einen Kanzler extrem locker-amüsante Bemerkung gemacht, und es ist ihr anzusehen, dass sie das dazugehörige Lachen auch ehrlich gern bringen würde, aber irgendwie gelingt es nicht. Vielleicht sagt Schüssel was Peinliches. Vielleicht sagt er was zu Nettes. Vielleicht sagt er etwas, das sie offensichtlich dazu bringen soll, begeistert zu lachen, und die Durchschaubarkeit macht sie unrund. Vielleicht rückt er zu sehr ran. Vielleicht wäre sie lieber das andere Mädchen auf der Treppe, das mit einem hübschen Burschen ihres Alters flirten darf. Vielleicht findet sie, dass so ein Plastikarmband an einem Mann über 25 etwas lächerlich aussieht. Vielleicht tut ihr Schüssel leid, weil er junge Mädchen dafür bezahlen muss, sich mit ihm auf Treppen zu setzen. Vielleicht ist sie eine unterbezahlte Altenpflegerin aus der Slowakei, die nebenbei bisschen modelt und überhaupt nicht versteht, was der merkwürdige kleine Mann mit dem etwas lächerlichen Armband da sagt. Oder sie ist nicht aus der Slowakei, sondern ihre Mutter ist seit ihrer Erstkommunion Mitglied der ÖVP Hietzing und hat sie gezwungen, dem Wolfi Schüssel, dem alten Freund, einen Gefallen zu tun, wo sie doch so hübsch ist, und gerade wird ihr bewußt, dass Millionen von Menschen dieses Foto sehen werden, und einige könnten vielleicht meinen, sie habe tatsächlich Gefallen an Schüssel gefunden, mein Gott, wenn einer ihrer richtigen Freunde das glaubt, vielleicht der Dragan, mein Gott, wenn der Dragan das glaubt...

Egal, was es ist: Es passt was nicht, und man sieht es, und so gesehen ist das Plakat, auf dem der Kanzler auf einer Bergwiese Wasser aus einem Brunnen schlürft, sehr sehr viel gelungener, denn das Wasser verzieht keine Miene und wirkt nicht unangenehm berührt. Was lernt die Werbeagentur daraus? Die Agentur lernt, dass der Kanzler im Kontakt mit unbelebten Dingen wesentlich überzeugender rüberkommt.

An dieser Stelle macht eine kleine Angstattacke Sinn, denn vielleicht macht es die ÖVP wie die ÖBB und inseriert vor der Wahl nur in Medien, in denen sie nicht kritisiert und gemein fertiggemacht wird. Obwohl andererseits eine Regierungspartei der Pressefreiheit sich vielleicht doch etwas mehr verpflichtet fühlen muss, als ein privatisiertes Unternehmen... Äh Moment. Ist die Bahn ja noch gar nicht; man übt nur schon mal. Wenigstens lässt man noch keine Züge versuchsweise entgleisen, wie ma das aus dem bahnprivatisierten England kennt: Bislang werden ÖBB-Kunden nur mit übervollen Abteilen, brutalen Verspätungen und kaputten Klimaanlagen zum Umstieg aufs Auto überredet. Naja, abwarten. Die Bahn kann vielleicht auch anders.
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