Doris Knecht
| 09/06
| Falter-Kolumne
| Frauen / Männer
| Kinder und andere Mitbewohner
| Unter Spießern
Ich sitze noch keine Stunde mit der Gerti im Kaffeehaus, wird mein Tyranneibewältigungstraining schon arg auf die Probe gestellt. Mein Entschluss, nicht immer so rechthaberisch und erbarmunglsos missionarisch zu sein und nicht immer anderen Leuten meine Lebensprinzipien aufzuzwingen, ist nämlich unumstößlich. Aber der Weg dorthin ist hart und wird durch das Frühstück mit Gerti nicht leichter. In der Stunde, die wir jetzt hier sitzen, hat Gerti drei doppelte Espressi geext und vier oder fünf Tschick geraucht, normales Gerti-Programm, nur, Gerti ist jetzt schwanger. Bist du sicher, dass du das Kind willst, sage ich, und Gerti schaut so, denn sie ist, auch wenn sie bislang nur etwa 35 Gramm zugenommen hat, im sechsten Monat, die Frage stellt sich also nicht mehr. Aus medizinischer Sicht sind drei Espressi, hebe ich an, lass es dann aber, weil es saublöd ist, wenn eine Schreibse einer Ärztin etwasMedizinisches erläutert. Im Einklang mit meinem Toleranzexpanderprogramm sage ich dann also etwas wie: aber was geht’s mich an, und Gertis Blick läßt keinen Zweifel dran, dass sie das auch findet.
Bloß ist es mit der Besserwisserei so eine Sache, man kann es schlecht dabei belassen. Also still. Weil wenn ichs nunmal besser weiß - und heilige Hölle, ich kann auch nicht sagen, woran das liegt, aber das tu ich nun mal häufig - ist es praktisch unumgänglich, dass ich andere daran teilhaben und davon profitieren lasse. Das hat zwar, wie sich auch beim letzten Kindergarten-Elternabend wieder mal zeigte, eine suboptimale Wirkung auf meine Sympathiewerte, aber an irgendeinem Punkt der eigenen Biografie muss man einfach akzeptieren, wozu man also auf der Welt ist und wozu nicht. Also dass, jetzt zum Beispiel, Kate Moss auf der Welt ist, um als Stilikone angebetet zu werden und komme was wolle Pete Doherty zu vögeln, und nicht, um sie mit neuen Erkenntnissen in der Teilchenphysik oder im theoretischen Feminismus zu bereichern. Und ich sitze eben im Kindergarten-Elternabend, und ich weiß, es wäre jetzt viel gemütlicher, nicht das Maul aufzureißen und nichts beizutragen und mal keine Meinung zu haben, aber dann sage ich mir, dass ich nicht hier auf diesem Kinderstuhl hocke, um mein Harmoniebedürfnis auszuleben. Weil: mein Harmoniebedürfnis lebe im daheim aus. Soweit es der Lange und die Kinder halt zulassen, und wenn nicht, unter einem Kopfhörer. Elternabendbezüglich ist nun dagegen eine kleine Besserwisserei unvermeidlich, es geht hier um etwas Prinzipielles, und, Glück gehabt, Mutter Breuß und Mutter Rohrer springen mir bei, egal, wie sehr uns die Mütter von Jenny, Joey und Joel dafür verachten. Kritik ist nun mal kein Beliebtheitwettbewerb. Das wollte ich den Literaturkritikern letztes Mal und den Kabarettisten immer schon sagen, aber hier ist es jetzt zugegebenermaßen sau deplatziert.
Dem Kanzler aber, der den Unentschlossenen ganz zum Schluß noch 40 Gründe nennt, warum sie ihn wählen sollen, teile ich folgendes mit: Die in Grund 21 („Weil er mit Begeisterung Musik macht“) verpackte Anspielung an die schlechten Menschen, die keine Lieder kennen, ist seit HipHop und Musikantenstadl unbrauchbar. Und dass Sie „ein Freund“ (39) sind, ist schön, aber als Information unvollständig, weil: von wem? Und wie zeigt sich das? Dass sie Elisabeth Gehrer wieder zur Unterrichtsministerin machen? Schön für Freundin Gehrer, sehr sehr schlecht für Österreich. Soviel weiß ich sicher besser.
Und auch, dass eine Schwangere definitiv keine drei doppelten Espressi hintereinander trinken und auch nicht so viel rauchen sollte. Auch wenns mich überhaupt nichts angeht und extrem gegen den gesamten Antirechthaberismuskanon verstößt, aber schmecks.