Doris Knecht
| 09/06
| Stadt/Land
Dass Kinder fantastisch im Memory-Spielen seien, ist ein kollektives Missverständnis; meine Kinder sind miserabel. Unterirdisch. Sowas von unter aller Sau, weinen könnt man. Schon nach zwei Tagen Regen in den Bergen ist mein Nervenkostümchen zart wie ein Seidenkleidchen aus der Dior-Sommerkollektion: Runde um Runde decken die Kinder die selben zwei Memory-Karten auf, stets auf neue überrascht, dass die schon wieder nicht zusammenpassen. Himmel, Himmel, Himmel! Wer würde da nicht zum Schreien und Fluchen anfangen? Ich; denn ich hab uns einen harmonischen Familienurlaub verordnet, ich will auf den Fotos nur sonnige Gesichter sehen, hab ich mich deutlich ausgedrückt? Selbstverständlich regnet es, selbstverständlich steigt der Nebel novembergleich die Kanisfluh hinan, und selbstverständlich
rufen dann die Finks an: tut ihnen leid, nach einer Woche Salzburger Regen und fünf Tagen Tiroler Regen können sie keinen einzigen Tag Bregenzerwälder Regen mehr ertragen. Sie kommen nicht wie ausgemacht drei Tage zu uns in unsere Hütte, sie rasen jetzt sofort heim nach Wien, wo´s Wetter wurscht ist. Die Aussicht auf noch mehr Memory hebt die mütterliche Urlaubslaune kaum.
Immerhin wird das Wetter der Gerechtigkeit halber schon am nächsten Tag erst besser, dann schön, und wir müssen kein einziges Mal mehr Memory spielen. Wir wandern von Alm zu Alm, essen dort Bergkäse und Butterbrot, bestaunen Kühe und Kuhgacki, bauen Staudämme in Bergbächen, riskieren an wilden Heidelbeeren den Fuchsbandwurm und sehen auf Fotos tatsächlich zufrieden aus, und in der dritten Urlaubswoche verlier ich, als wir mit dem Fräulein Kaiser zum Körbersee wandern, mein Handy. Es ist wegen der Nachbarin, die nicht und nicht glauben will, dass wir nicht frostgebeutelt durch den Schnee stapfen, weshalb ich ihr ein Foto MMSen muss: die Mimis, in einem Bergsee auf 1700 Meter planschend; hier der Beweis, du! Danach essen und trinken wir sehr gut im Adler in Schnepfau und später, zurück in unserer Hütte, ist mein Handy weg. Muss irgendwo am Berg sein, verloren, dahin. Das macht mich, denn es gibt in dieser Hütte weder Fest- noch Internetz, ein wenig unrund: ich fühle mich, wie nicht mehr auf der Welt, unerreichbar, abgeschnitten, furchtbar.
Selbstverständlich fahr ich schon am nächsten Morgen in die nächste Stadt und besorge mir auf der Stelle ein neues Handy, welches schon auf dem Rückweg zur Hütte klingelt, Grüßgott, hier spricht die Polizei, Posten Au, haben Sie zufällig Ihr Handy verloren? Äh, zufällig ja. Ist abgegeben worden. Verarschen Sie mich?
Nein. Ist für eine gelernte Wienerin bloß ziemlich überraschend, so überraschend, wie dass es in dieser Berg- und Bauerngegend alle fünf Kilometer ein Haubenlokal gibt. Allerdings muss man, wie etwa im Gastgarten des Schwanen in Bizau, damit rechnen, dass während des Hauptganges volle zwanzig Minuten lang die Kirchenglocke wütet. Der Klerus ist da rücksichtslos. Das Essen aber spitze.