Doris Knecht
| 09/06
| Presse-Kommentar
Immer mehr Leute haben eigene Blogs im Netz: als öffentliches Tagebuch oder als Privatzeitung mit eigener Meinung.
Ein Weblog, auch „Blog“ genannt, ist was Feines: eine Art Internet-Tagebuch, kostet nicht viel und kann von jedem, der will, ins Netz gestellt werden – zugänglich für alle, die die zugehörige Adresse kennen. Was man dort reinschreibt ist jedermanns eigene Sache: Erlebtes, Gesehenes und Gedachtes, Gefundenes, Fotografiertes und Gefilmtes, mehr oder weniger Intimes, je nachdem, was man von sich selbst preisgeben und anderen an Privatem zumuten möchte.
Der großartige deutsche Schriftsteller Rainald Goetz nutzt diesen Vorzug des Internets seit Jahren. Schon 1999 veröffentlichte Goetz seinen „Abfall für alle“ (Suhrkamp), ein Jahr Netz-Tagebuch
auf mehr als 800 Seiten: wache, kluge Eintragungen, an denen man sich gerne festliest.
Oder man nutzt seinen Blog weniger als Tagebuch denn als öffentliches Medium: Durch einen Weblog wird jeder zum Herausgeber und Chefredakteur seiner eigenen kleinen, selbstgestalteten Internet-Zeitung. Darin lässt sich all jene eigene Meinung zum Tages- und Weltgeschehen veröffentlichen, für die man sonst entweder Journalist oder zumindest öffentliche Person sein muss, mit dem Privileg, etwas derartiges wie etwa dieses „quergeschrieben“ befüllen zu dürfen. Dieses Privileg haben nicht viele – einen Blog kann jeder haben, und so gesehen, ist die Blogsphäre tatsächlich eine Meinungsdemokratie, wie es sie vorher so nicht gab.
In Zeiten des Krieges, der Meinungsmanipulation und Informationsselektion, bekommt diese Blogsphäre eine enorme Bedeutung: ganz normale Menschen berichten von ihrem Alltag in Beirut, Tel Aviv oder Bagdad, für jeden lesbar, unzensiert und subjektiv. Denn Blogs müssen nicht objektiv sein, ganz im Gegenteil, und sie erheben keinen Anspruch auf journalistische Faktentreue. Man bekommt, was jemand so gesehen hat: nicht, was jemand recherchierte.
Leider vergessen das Zeitungen oft, die sich selbstverständlich gerne an den ungefilterten „Wahrheiten“ in Blogs bedienen – besonders in sogenannten Watch-Blogs, deren Betreiber vor allem eins im Sinn haben: gezielte Desinformation zu entlarven. So wurde das nachbearbeitete Beirut-Foto eines Reuters-Pressefotograf von einem Watchblogger enttarnt, dem aufgefallen war, dass auf dem Foto eines Raketeneinschlags Häuser doppelt zu sehen waren: gut. Schlecht dageben, dass die Zeitungen auch auf Blogger reinfallen, die ihrerseits Information manipulieren und selbst Propaganda machen.
Man muss Blogs als das sehen, was sie sind: unkontrollierte Privatmedien. Genau das macht ihren Reiz und ihre Qualität aus, weil da Menschen aus ihrem Leben und ihrer Welt von einem ganz eindeutigen und unmissverständlichen Standpunkt berichten: dem radikal eigenen.
Und das ist gut: Denn es kann nicht schaden, wenn die Menschen lernen, ihre Welt zu sehen und zu beschreiben. Und eine Meinung nicht nur zu haben, sondern sie auch zu artikulieren – so zu artikulieren, dass sie nicht nur von ihren Haberern am Stammtisch verstanden wird: Sondern auch von denen, die sie betrifft.