Doris Knecht
| 09/06
| Falter-Kolumne
| Kunst & Kultur
| Schuld und Sühne
| Unter Spießern
Hören tu ich zur Zeit am liebsten Metric, das ist ein musikalisch sehr vorteilhaft kanalisiertes Frauengegrantel from Canada, auf unkindische Weise postpunkig, so dass man das, das rede ich mir wenigstens ein, auch als Erwachsene gut finden kann. Darf. Also. Dieses Erwachsensein bleibt ein schwieriges Terrain, vor allem aufgrund des Fehlens eines verbindlichen Kanons. Beziehungsweise, falls einer existiert – und ich denke, meine Mutter denkt, dass das das der Fall ist – weiß ich ihn zu ignorieren. Lieber bin ich, anders als etwa Sedlacek, praktisch permanent verunsichert. Denn während Sedlacek, dessen Handy mir heute nachmittag unablässig MMSe aus dem Inneren seines Hosensacks schickte, die gängigen Reife-Aspekte wie Würde, Distinguiertheit oder die Fähigkeit, die Tastensperre seines Handys zu aktivieren, für keine erstrebenswerten Erwachsenentugenden hält, wünsche ich mir auf meinem Weg in den Pflegenotstand immer noch etwas derartiges wie eine Etappe eleganter Reife. Aber jedesmal wenn ich die Bergwertung dorthin faktisch
geschafft habe, wenn die Wohnung seit Tagen meisterpropper ist, wenn der Umgang mit den Kindern alle Züge vorschriftsmäßiger Spätmuttergelassenheit trägt, wenn Frisur und Garderobe stimmig und alle Rechnungen termingerecht bezahlt sind, überkommt mich brutale Langeweile über diese Beige-Werdung meine Charakters. Und ich tu schnell etwas untadelig Unreifes, brülle die Kinder wegen einer Nichtigkeit zusammen, kaufe mir Röhrenjeans und lasse mir, trotz unmissverständlichen Friseur-Grimassierens, die Haare blöd schneiden und headbange dann damit beim Autofahren zu Sugarplum Fairy. Yessss. Ich bin eine Schande für meine Generation.
Dafür sind meine Kinder das Gegenteil, nämlich für ihr Alter sehr vernünftig. Bei uns steht jetzt alle fünf Meter eine Ameisenfalle, und ich erklär ihnen: Herschauen, da: Ameisenfallen. Giftig! Nicht anfassen! Okay, sagen die Kinder. Nicht spielen damit! Wir habens kapihiert!, sagen die Kinder. Weil, sag ich, auf der einen Seite krabbeln die Viecher rein, dann fressen sie das Gift, dann krabbeln sie auf der anderen Seite raus, dann tragen sie das Gift zu ihrem Stamm und alle tot. Geilo, sagen die Kinder, und ich kann sicher sein, sie werden die Dinger nicht abschlecken. Sie haben auch kapiert, dass die grünen Kugerl in den Balkonkisterl keine Zuckerln sind, sondern für Menschen giftig. Aber Unbesorgnis is my middlename, und wie gestern den Balkon ausgiebig giesse und die Mimis hinter mir rumalbern, bin ich total unbesorgt, und als ich mich umdrehe, liegen sie unter den Blumenkisterl am Boden und lassen sich das Gießwasser in die Mäuler plätschern. Ich: SEIDS! IHR! DEPPERT! DAS IST DOCH GIFTIG! Die Mimis: Aha, so, hmm, ja dann. Ich: WIE ALT SEIDS IHR DENN, HIMMEL NOCHMAL!!! Die Kinder: vier! Ich: Äh, vergessen, sorri. Aber bitte, ich kann mir ja nicht mal mein eigenes Alter merken.