20.09.06

Wir Literaturpatrioten

Doris Knecht | 09/06 | Kunst & Kultur

Das Ausmaß der Erholung in drei Wochen Bregenzerwald lässt sich anhand einer Zahl bemessen: sieben. Sieben Bücher hab ich gelesen, darunter drei aktuelle Österreicher, die durch den Umstand, dass ich davor den neuen Philip Roth und danach E. Annie Proulx´ „Schiffsmeldungen“ gelesen habe, auch nicht gewannen, besonders wegen der „Schiffsmeldungen“: ein Roman, ein richtiger Roman. Mit einer sich entwickelnden Handlung! Zahlreichen Figuren in verschwenderischer Charakter-Fülle! Verschiedenen Strängen! An einem außergewöhnlichen Ort! Auch wenn ich hier mit völlig unerbetener Meinung alte Bekanntschaften aufs Spiel setze: In dieser Liga spielen die jungen Österreicher nicht. Lange nicht. Sind ja nicht mal Romane, heißen nur so – wenngleich ich Daniel Glattauers flott und gut geschriebene Emailerei „Gut gegen Nordwind“ in einem Tag eingesaugt habe. Nicht weiter als bis Seite 110 habe ich dagegen „Das Wetter vor 15 Jahren“ ertragen, das öde und ob seiner bizarren Ausführlichkeit völlig unglaubwürdige Interview zwischen einer Kritikerschnepfe und einem Schriftsteller namens Wolf Haas, der im markanten Unterschied zum echten Haas vor allem unsympathisch ist. Weglegen ist unprofessionell, weiß ich, aber ich stehe hier ja nicht als Rezensentin, sondern als enttäuschte Leserin, und als solche darf ich sagen: Wenn es einem Schriftsteller bis Seite 110 nicht gelingt, mich zu fesseln, dann hat er seine Chance verspielt; das gilt für Musil wie für den letzten Pynchon wie für den neuen Haas. Während Proulx mich in eine Welt zu ziehen vermochte, in der ich gerne noch länger als 400 Seiten lang verweilt wäre. Thomas Glavinic „Arbeit der Nacht“ dagegen, immerhin ein richtiger Roman, las ich in Erwartung einer Auflösung tapfer zu Ende, um das Buch unmittelbar nach der Lektüre quer durch die Bregenzerwälder Hütte zu werfen: Dafür hab ich mich durch 400 Seiten gequält? Für nichts?

Das bringt mir nun wieder den Vorwurf des Obezahrerismus ein. Und natürlich sieht das so aus, als würde ich diesen Autoren ihren Erfolg missgönnen, und das tue ich nicht: Ich freue mich, dass viele Menschen ihre Bücher lesen (gibt dümmere Hobbies), kaufen (gibt unnötigere Anschaffungen) und die Autoren damit reich machen (gibt unanständigere Arten, reich zu werden). Ich freue mich, dass österreichische Schriftstellerinnen und Schrifsteller internationalen Erfolg haben, Preise bekommen und, Bestsellerlisten anführen. Je mehr Literatur, je mehr Leser, desto besser.

Wo die Deutschen ihren Fußballpatriotismus, haben wir jetzt unseren Literaturpatriotismus. Das finden die Kritiker so geil, dass sie österreichische Bücher, um die neue Kuscheligkeit nicht zu gefährden, nicht mehr kritisieren, nur noch präsentieren, nur noch gut finden wollen. Aber so geht das nicht. Also ich mal wieder: Nestbeschmutzerin, Miesmacherin, Runterzieherin... Nein. Bessere Romane möchte ich lesen; und das ist ein legitimer Wunsch.
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« 17.11.06 08:00
Wolf Haas' "Das Wetter vor 15 Jahren" hält sich mir unverständlicherweise seit Wochen auf Platz 1 in der Bestsellerliste. Auch in Amazon hat es fünf Sterne (Höchstwertung) bei den "durchschnittlichen Kundenbewertungen". Normalerweise ist mir sowas ega
» 23.09.06 00:23
Peter Guttmann

Werte Frau Knecht!
Gerne und oft lese ich Ihre Kolumnen, doch so richtig gerne tue ich es wenn ich kopfnickend davorsitze wie diesmal. Wie die österreichische Literatur in letzter Zeit abgefeiert wird erstaunt wirklich, wenn man viel davon gelesen hat. Geigers "Es geht uns gut". Eine nette österreichische Familiengeschichte, doch das Außergewöhnliche das die Kritiker sehen wollten sah ich nicht. Die von Ihnen gebrachten Beispiele fügen sich in diese Reihe. Ich vergöttere Haas' Brenner-Romane, die Idee des neuen Romans ist ja auch ganz nett, aber der Kunstgriff verbraucht sich auf Seite 50 und Sie können mir glauben, die Liebesgeschichte trägt das Buch auch nach Seite 110 nicht mehr. Bei Glavinic's "Die Arbeit der Nacht" nach der Lektüre nicht genauso wie sie zu reagieren, hatte beim mir seinen Grund nur im prinzipiellen Respekt dem Objekt Buch gegenüber.
Dabei gibt es sie doch, die guten Romane aus Österreich! Ich bin einfach so frei Ihnen ein paar ans Herz zu legen. Norbert Gstreins "Handwerk des Tötens" erschien noch vor den Zeiten des Literaturpatriotismus, hätte ihn aber verdient. Der aktuelle Roman von Bettina Balàka "Eisfieber" - sehr lesenswert, genauso wie der Vorgänger "Der langangehaltene Atem". Bücher von Corinna Soria - traumhaft! Tja und wenn ich sage, daß man Ilse Aichinger und Werner Kofler lesen muß erzähle ich Ihnen vermutlich nichts Neues. Den für mich besten Roman der letzten Jahre hat allerdings ein Schweizer geschrieben."Nachtzug nach Lissabon" von einem Autor der sich Pascal Mercier nennt (obwohl ich es jetzt schon fast ein wenig beängstigend finde wieviele den als Taschenbuch kaufen).
Nachdem ich dem Ruf nach guten Romanen etwas über Gebühr geantwortet habe, sei Ihnen noch gesagt, dass Sie mit mir weiterhin einen treuen Leser haben werden.
Mit den besten Grüßen,
Peter Guttmann

» 24.09.06 21:20
unbekannt

Bin beim neuen Haas auch nicht weitergekommen bis auf Seite 34.

ahoi!, WG

» 24.09.06 21:34
Peter Guttmann

Kleiner Nachtrag!
Warum auch immer ich in geistiger Umnachtung den Roman "Eisfieber" genannt habe, er heißt natürlich "Eisflüstern". Sorry, Miss Balàka!

» 17.11.06 20:03

Liebe Frau Knecht: Danke!
Ich sage: *ÄCHZ*, und das darf ich, denn ich hab "Das Wetter vor 15 Jahren" durchgestanden!

Wenn Sie sich ärgern wollen, lesen Sie doch die Kritiken auf amazon.at - außer der meinen wird das Buch praktisch nur bejubelt. Ich bin auf den Schmus reingefallen. Mir stellt sich ernsthaft die Frage, ob das Buch ganz gezielt von Jubelrezensenten gepusht wurde. So oder so: Eine Frechheit!

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