Doris Knecht
| 09/06
| Frauen / Männer
| Zuerich
(Gastkolumne für die Schweizer "Annabelle")
Da drängen sich der gelernten Zynikerin natürlich gleich eine paar kurze Antworten (gar nicht, gibt’s nicht, wir sprechen hier von Männern, oder?) und ein paar Gegenfragen auf wie: Ach, Sie glauben noch an Märchen? Oder: Wo leben Sie denn? Und: Nimmt Ihr Kloster auch dreifach Geschiedene auf? Aber damit macht man es sich natürlich zu leicht.
Denn nicht mal als Zynikerin kann man glaubhaft so zu tun, als sei die Suche nach dem Richtigen nicht ein zentrales Element im Leben fast aller heterosexueller Frauen. So sie sich, siehe vorne, nicht bald nach der Pubertät dazu entschliessen, den Richtigen, siehe oben, auf dem göttlichen Himmelsthron zu orten, wo man ihn mehrmals täglich anbeten kann, ohne dass er daraus masslose Ansprüche ableitet.
Alle andern tun sich bei der Wahl schwerer, denn es ist eine schwere Wahl mit möglicherweise fatalen Nebenwirkungen, fragen Sie Ihre Freundin oder Scheidungsanwältin: Die falsche
Entscheidung kann zu immerwährendem Unglück führen oder zum aufreibenden Scheidungspipapo, das selten ohne Verwundete an allen Fronten abgeht.
Plus: Es kommt natürlich auf die Frau an, hängt stark von ihrer romantischen Disposition ab. Denn klar ist es entscheidend, ob die Frau im Augenblick der Fragestellung einen emanzipatorischen oder einen Prinzessinnen-Standpunkt einnimmt, beziehungsweise: Wo auf der gemeinen Anspruchsskala sie ihre Lebenswünsche überhaupt einordnet, zwischen „Er ist der Richtige, wenn er nicht die komplette Sozialhilfe versäuft und die Gofen nicht verprügelt“ und „Er ist der Richtige, wenn er mich auf Yachten durchs Dasein schippert und jeden meiner Wünsche unmittelbar nachdem Augenablesen mit seiner Mega-Platin-Dings-Card erfüllt.“
Wir lernen: „Der Richtige“ hängt primär vom Standpunkt der Suchenden ab. Wie sich auch am Laetizia-Parodoxon gut aufzeigen lässt: Kann ein noch so hübscher, noch so netter, noch so gutausgestatteter Prinz für eine gescheite, autonome, attraktive und erfolgreiche Frau der Richtige sein, wenn er ihr nichts als das langweilige und fremdbestimmte Dasein einer öffentlichen Prinzessin zu bieten hat? Laetizia Ortiz, die schöne, erfolgreiche spanische TV-Reporterin, sagte: ja, neidvoll akklamiert von Millionen von Frauen, die von so einem Scheiß tatsächlich träumen. Während jeden einigermassen realistische Frau natürlich sag: Nein, nein, NEIN! Auf gar keinen Fall! Ist die bescheuert oder was?
Das Problem ist zudem (und da wird mir Prinzessin Laetizia möglicherweise zustimmen): Man kann es nicht sofort sagen. Und auch nicht nach einer Woche oder einem Monat, und oft noch nicht mal nach einem Jahr. Ganz sicher weiss man es leider eigentlich erst, wenn es schon zu spät ist: Wenn sich herausstellt, dass es nicht der Richtige war. Der Idiot. Das Arschloch. Das hätt ich doch schon längst sehen müssen. (Die Freundinnen haben übrigens eh.)
Zudem ändern sich die Faktoren, die denn sogenannten „Richtigen“ ausmachen, natürlich laufend. Eigenschaften, auf die man mit 20 überdurchschnittlichen Wert legt (geiler Sixpack, geiles Bike, geile Band, geiles Piercing) sind mit 40 meistens nicht mehr ganz so attraktiv, während die Frage, ob der Kerl mit Messer und Gabel essen kann und/oder einen Fortpflanzungswillen mitbringt, für eine Frau ab 30 zum zentralen Abstossungsargument werden kann. Ab 45, 50 kann eine perfekte Altersvorsorge, ein Theaterabonnement oder das Talent, sich umfassend um den Fortpflanz zu kümmern, während die Frau in der Chefetage rummacht, für einen Herrn sehr schmückend sein. Sagen wir so, der Lebensqualitätsindex einer Frau ist Schwankungen und Anpassungen unterworfen und mit ihm schwanken die „richtigen“ männlichen Eigenschaften. Und kann eine, deren zwanzigjähriges Herz sich dem glutäugigen Adonis zuwirft, sich den mit 40 samt Bierbauch und Glatze vor einer TV-Talkshow lümmelnd vorstellen? Sollte sie. Sollte sie unbedingt.
Denn, wie schrieb der deutsche Theoretiker Diedrich Diederichsen in ein einem komplett anderen Zusammenhang? Er schrieb: „Das Gefühl taugt nicht zum Argument.“ Man könnte auch sagen: Mit dem Herzen sieht man oft überhaupt nicht gut: Ob er der Richtige ist, zeigt erst der schnöde Alltag.
eine frau,eine frage
schreiben sie nie mit den augen ? wie eine phantasievolle photografin ?
schöne grüsse
luciano