29.09.06

Zu dick, zu dünn

Doris Knecht | 09/06 | Kurier-Kolumne | Prost Mahlzeit

Arbeitsverbote  für halb verhungerte Models in Madrid und für zu fette Spitalsangestellte in Niederösterreich: Wie dick oder dünn man sein will, ist keine Privatsache mehr.
Nur: Die Magermodels haben die bizarren Konfektionsgrößen, in die sie passen müssen, nicht erfunden. Und was isst Spitalspersonal? Spitalskost, neben anderem, und wer von meinen  Bekannten kürzlich in egal welchem Krankenhaus Patient war, schimpfte über das Essen, das nach wie vor fast überall weitgehend unbeleckt von den Erkenntnissen der modernen Ernährungswissenschaft zubereitet wird. Jede Betriebskantine bietet  heutzutage gesündere und ausgewogenere Menüs an, als die meisten Küchen jener Häuser, in denen Menschen geheilt und gesund gemacht werden sollen. Ich würde also mal behaupten, die Übergewichtigen im  Spital sind an ihrem Problem nicht ganz allein schuld.
Allerdings ruft mich in diesem Moment jener Freund zurück, der kürzlich im Krankenhaus St. Pölten lag. Und haut mir meine ganze schöne Argumentation zusammen, indem er die dort servierte Kost über die Maßen lobt. Gut für die    Patienten, dumm für mich. Und unangenehm  für die dicken St.-Pölten-Mitarbeiter, die für ihr Gewicht wohl doch selbst verantwortlich sind.
Immerhin sind sie damit nicht allein, sondern Teil eines wachsenden sozialen und gesundheitspolitischen Problems:  Immer mehr Österreicher - 50 Prozent der Männer, 30 Prozent der Frauen, 40 Prozent der Kinder  - sind übergewichtig  oder krankhaft adipös.
 Das individuelle Drama jeder einzelnen Anorektikerin“ soll nicht verharmlost werden. Aber gegen den rasenden Anstieg der Fettsucht und ihre medizinischen Folgen wirken die paar Magermodels wie ein  extrem marginales Problem.
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