Doris Knecht
| 10/06
| Kunst & Kultur
| Kurier-Kolumne
| Unter Spießern
Eist ist schon ein paar Tage her, dass „Viennale“-Direktor Hans Hurch in einem Falter-Interview gemeint hat, er mache jetzt „Bobo-Bashing: Man darf denen diesen he-donistischen, halbkritischen Genuss nicht durchgehen lassen.“ Das beschäftigt mich immer noch.
Ich mag den Hurch: Ich mag, wie er die „Viennale“ als Ereignis zelebriert, wie er sich nichts schert um Geschmäcker und Generalmeinungen, und dass er dennoch als möglicher Kulturminister gehandelt wird.
Aber die Sache mit den Bobos ärgert mich, weil diese grad so schicke Bobo-Miesmacherei ist mir etwas zu billig. Vor allem, wenn sie von einem Hurch kommt, der es sonst nicht billig gibt.
Bobo ist, falls Ihnen das noch nicht bekannt ist, ein Mischwort aus
"bourgois“ und „bohemien“ und bezeichnet junge, urbane Erwachsene, die eine moderne, offene Bürgerlichkeit vertreten, die sich keiner Tradition verpflichtet fühlt. Und wenngleich der Bobo-Begriff in letzter Zeit überstrapaziert wurde, finde ich dennoch, dass es schlechtere und destruktivere Daseinsformen gibt.
Bobos mögen nerven, aber sie leben eine konstruktive Idee eines lässigen, neuen Bürgertums: Sie konsumieren bewußt und mit Rücksicht auf Ökologie und soziale Gerechtigkeit, sie sind nett zu ihren Kindern, sie interessieren sich für Bildung und Kultur (und Filme abseits von Hollywood), sind kritisch, aber nicht ablehnend gegenüber modernen Massenmedien und motorisierter Fortbewegung, sie sind nicht xenophob, sie lesen, sie kochen, sie sind wertebewußt, und sie sagen ihre Meinung, wenn ihnen was nicht passt. Bisschen wie Hans Hurch.
Im Ernst jetzt: Lieber halbkritisch als unkritisch. Lieber hedonistisch als alles total egal. Ein wenig Boboismus tut der Welt ganz gut.