Wenn ich mir bei Ikea einen Tisch kaufe – irgendetwas aus gepresstem Abfall um 19,90 – vermesse ich mich nicht. Der passt wie reingezimmert dorthin, wo ich ihn hinimaginiert habe. Wenn ich mir mein erstes Möbelstück maßschneidern lasse, einen schmalen Schreibtisch aus schönem Holz in einem eleganten Metallgestell, der genau in die Lücke zwischen Sofa und Wand passt, dann ist er fünf Zentimeter zu breit. Ich bin fassungslos, die Frau des Schreibtischdesigners ist fassungslos, der Schreibtischdesigner ist fassungslos, weil er nicht glauben kann, wie jemand so deppert sein kann, nur in Tischplattenhöhe zu messen und nicht am Boden, wo doch jeder Trottel die Wände in Altbauten kennt, und, sind wir uns ehrlich, selbst wenn das am Boden gemessen worden wäre, ginge sich das im Leben nicht aus. Es handelt sich hier einen eindeutigen Fall von Messversagen auf Kundenseite. Der Schreibtisch an sich ist perfekt, seine Optik leidet nur sehr darunter, dass er eher überzählig in einem Wohnzimmer herumsteht, das von einem großen Eck-Sofa, einem großen Esstisch mit sechs fetten Sesseln und meinem großen Schreibtisch bereits weitgehend zur Unbegehbarkeit verdammt ist: das Spielzeug noch nicht eingerechnet, das jeden Zentimeter der Grundflächengesamtheit unserer Wohnung knöcheltief bedeckt, ausgenommen das Spielzimmer. Das war ein Witz: das Spielzimmer auch.
Erst nachdem der Schreibtischdesigner und seine Frau mit ungesund verdrehten Augen abgezogen sind, kommt mir die Idee, und ich hole die Stichsäge und kürze das Sofa eckseitig um fünf Zentimeter. Das klingt jetzt ruinöser als es ist: Tatsächlich entspricht das Ensemble samt Schreibisch jetzt in etwa dem innenarchitektonischen Äquvivalent einer SPÖ-Regierung mit einem Gusenbauer im Kanzleramt. Als hätte er immer schon da reingepasst; ich hab doch gesagt, dass sich das schon ausgeht, und dass einer nur Kanzler wird, indem er es ist... So wie der Tisch ja auch erst Schreibtisch wird, indem der Lange ihn benutzt.
Aber der Lange braucht keinen Schreibisch. Ich brauch keinen Schreibtisch, sagte der Lange. Eh nicht, er hatte ja meinen. Aber ein Schreibtisch ist eine überaus persönliche Sache, vor allem ein derart brutal unordentlicher Schreibtisch wie meiner, ständig bringt mir der Lange meine Unordnung durcheinander, das geht so nicht weiter. Ich brauch keinen Schreibtisch, sagte der Lange, so wie er gesagt hat, dass er keinen eigenen Laptop braucht (Doch. Brauchst du. Definitiv.) und früher einmal definitiv kein so ein saublödes Schischi-Deppen-Handy gebraucht hat, wieso schenkst du mir so einen Scheiß?
Der Designerschreibtisch (der Lange: aha, schön, aber ich brauch ihn echt nicht) wird innerhalb von zwanzig Minuten unter „Substance"- und "Rave-up"-Sackerl, Zettelhaufen, alten Zeitungen, CD-Stapeln und dem Laptop des Langen samt dranmontiertem Langem faktisch unsichtbar. Jetzt fügt er sich perfekt in unser Wohnzimmer ein.