Doris Knecht
| 10/06
| Kurier-Kolumne
| Schuld und Sühne
Am Tag nach der Wende-Wahl ist es schwer, sich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit dem, was war und dem, was kommen könnte. Plus: Die Sache mit „Freund“ Schüssel lässt mich nicht los.
Eine Woche vor der Wahl nannte der Kanzler den Unentschlossenen in Anzeigen noch schnell 40 Gründe ihn zu wählen: Weil er „fit und sportlich“und „ein kluger Denker“ sei, weil „der Vergleich sicher“ mache. Und weil er „ein Freund sei“.
Das letzte war wohl nicht so eine gute Idee von der Werbeagentur. Denn wie ein Freund
der Bürgerinnen und Bürger hat sich Schüssel in den Jahren seiner Kanzlerschaft genau nicht gebärdet. Eher wie: ein entrückter Vorgesetzter; ein ferner Verwandter; einer, der sich dein Gesicht nie merken kann.
Denn: mit einem Freund würde man reden können. Ein Freund würde zuhören, wenn immer mehr Menschen in seinem Freundeskreis über die gleichen Dinge besorgt sind; Bildung, Pflegenotstand, Renten. Und ein Freund würde antworten, wenn ihm Fragen gestellt werden, von seinen Freunden oder, in diesem Fall, deren Repräsentanten, den Journalisten. Das hat Schüssel jahrelang nicht und wieder nicht getan. Sehr oft kam er nicht einmal, wenn er eingeladen wurde. Und mit so einem will man schließlich nicht mehr befreundet sein. Von so einem ist man irgendwann einfach enttäuscht.
Vor allem, wenn der, komme was wolle, an Leuten und Ideen festhält, vor denen ihn die anderen Freunde immer deutlicher warnen. Das verstehen die dann nicht mehr: Der hat doch selber einen schulpflichtigen Sohn! Der hat doch selber eine kranke Schwiegermutter! Der muss doch was merken! Hallo?
Aber der hat nichts gemerkt, und der wollte nichts hören. Und jetzt, wo ihm das aufgefallen sein dürfte, ist es halt zu spät.