Doris Knecht
| 10/06
| Arbeit & Wirtschaft
| Kurier-Kolumne
| Schuld und Sühne
Während ich auf der Post derzeit nur immer wieder die Kunst des Schlangestehens perfektioniere, wurde Leserin Hedi S. kürzlich aufgefordert, die 27 Briefe, die sie zu verschicken trachtete, doch bitte selbst zu stempeln. Der Beamte des Postamtes, vor dem Frau S. ihren Brief-Stapel ablegte, habe ihr im Gegenzug, berichtet Frau S., Stempel und Stempelkissen ausgehändigt: bitte sehr.
Frau S. habe ein bisschen gelacht, Scherz und so. Der Beamte nicht. Frau S., im Glauben, der arme Beamte wisse vor lauter Arbeit nicht ein noch aus, vermeinte, einem Nächsten Gutes zu tun und stempelte. Der Beamte sah ihr völlig reglos dabei zu, worauf Frau S. eine Frage in der Art, ob sonst schon alles in Ordnung sei, gestellt habe, und der Beamte habe gemeint, ja, absolut: Wenn er selber stempeln würde, hätte er ihr pro Brief zehn Cent zu verrechnen.
Sowas hab ich auf meinem Postamt noch nicht erlebt; aber ich steh
ja auch meistens nur mit zwei Einschreib-Briefen und einem Abholschein in meiner Schlange. Die Schlange steht auch. Neun, nein, elf Leute vor mir; ich spüre deutlich, wie ich älter werde. Irgendwo da draußen pulsiert das Leben, und ich bin nicht dabei; ich bin hier und schaue auf den Hintern meines Vordermannes, der Hintern schaut aus der Hose, die Hose schaut aus, als könnte sie eine 95-Grad-Wäsche vertragen, nein, wart, besser gleich entsorgen. Aber was geht’s mich an. Was mich angeht, glaube ich, dass mein Abholschein allmählich Schimmel ansetzt. Doch, ganz bestimmt.
Bemerkenswert an der Sache ist: Je mehr sich die Post im Turbokapitalismus übt – Filialen schließen! Stellen abbauen! Sparen, sparen, selber stempeln! – desto mehr sieht es in ihren Zweigstellen wie im Kommunismus aus. Willkommen in meiner Schlange.