11.10.06

Gutsein für Faule

Doris Knecht | 10/06 | Arbeit & Wirtschaft | Kurier-Kolumne | Prost Mahlzeit

Das ist nicht gut, wenn eine Supermarkt-Kette eine Bio-Hirse zurückrufen muss, weil sie lebensgefährliche Giftstoffe enthält. Sowas gefährdet  nämlich nicht nur meine Gesundheit und mein Vertrauen in die Unbedenklichkeit von biologisch hergestellter Nahrnung, sondern in gewisser Weise auch mein ganz persönliches kleines Gutmenschenprogramm.
Denn ich gehöre zu jener wachsenden Käuferschicht, die  begeistert bio  konsumiert, seit sie dafür nicht mehr ins Reformhaus  muss: Wenn mir im Supermarkt zwei gleichwertige Erzeugnisse angeboten werden, von denen eines mit Zutaten aus biologischer Landwirtschaft hergestellt wurde, dann greife ich fast stets zum Bioprodukt, und zwar nicht nur der Gesundheit wegen.
 Nein, das wurde zu einerLebenseinstellung, denn die expandierenden Supermarkt-Bioproduktpaletten ermöglichen auch eine Art Gutmenschelei für die ganz Faulen: Wenn ich mich für bio entscheide, kaufe und tue ich Gutes. Ich, ich persönlich, sorge für glückliche Kühe, gesunde Hühner, blühende Landschaften und saubere Gewässer, die  nicht von den überdüngten Feldern kontaminiert sind.  Das macht mir ein total gutes Feeling, weil, hey, ichbin übrigens auch ein bisschen öko und edel und gut, wenngleich sich mein tägliches Heldentum darauf  be-schränkt, fürs Biojoghurt ein paar Cent mehr zu bezahlen. Für mehr Engagement bin ich leider nicht edel genug, deshalb: danke, dass ich mein gutes Öko-Gewissen seit einigen Jahren so einfach und billig bekomme.
Einerseits: besser wie nix. Andererseits treibt mich diese Hirse-Sache vielleicht wieder öfter in die   zwei kleinen Bioläden, die in meiner Straße halt ein wenig weiter weg sind. Schlecht? Nein: Gut für die Bioläden; gut für  meine Straße. Also ingesamt kein Schaden für mich.
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