26.10.06

Stehen lernen

Doris Knecht | 10/06 | Kinder und andere Mitbewohner | Kurier-Kolumne | Stadt/Land | Unter Spießern

Der K. aus H. schreibt, bitte keine Beschwerden über Post und Bahn mehr: Institutionenkritik sei grauenhaft unsexy, schreibt der K., und die Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern seien übrigens auch längst   totgeschrieben und  auf Wiedersehn. Der K. wird es also nicht unbedingt goutieren, wenn ich heute eine Anregung von Leser Peter S. aufgreife , der meint, dass es in Wien nicht  nur, wie ich gestern beklagte, zu wenige Plätze gibt, sondern auch zu wenig Sitzplätze: Finde ich nämlich auch.
Wir wissen, warum, weil man es in Wien den Sandlern sehr unbequem machen will. Dass die bloß nicht auf die Idee kommen, sich  in den öffentlichen Raum zu legen. Aber damit ein paar hundert  Obdachlose ja nicht auf Bänken schlafen können, dürfen sich die anderen 1,6 Millionen Wiener nicht mehr setzen; Alte nicht, Gehbehinderte nicht, Väter, Mütter, Kinder und andere Müde nicht. Kommt mir, nun ja, etwas unverhältnismäßig vor.
Auf Bahnhöfen darf man seit ewig nur mehr auf  so aneinandergeschraubten Sesseln sitzen,  oder, wie  Peter S. beklagt,  gar nicht.    S. hat sich drei Jahre lang um seinen kleinen Sohn gekümmert und weiß nun genau, dass es in den Bahnhofshallen von Floridsdorf oder Wien-Mitte nicht eine Bank mehr gibt, auf der man niedersinken und dem Kind einen Keks füttern könnte.
 Oder versuchen Sie  mal um Feierabend rum im Westbahnhof drei so Schraubsessel in Serie zu ergattern, auf denen Sie mit den Kindern auf den  verspäteten Zug mit Oma drin warten können. Oder laufen Sie mal nachmittags am Spielplatz mit anderen Müttern um die Wette um den einzig verfügbaren Sitzplatz auf der Bank da drüben: So beraubt man erwachsene Frauen ihrer Selbstachtung, ich weiß, wovon ich spreche. Wie  laut der K. in H. grad stöhnt, ist mir so gesehen eh egal.
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