Doris Knecht
| 10/06
| Kurier-Kolumne
| Schuld und Sühne
| Stadt/Land
Was ich am Sonntag nicht wählen werde, weiß ich schon; ich weiß es, weil mir auf
den Plakaten so viele Sachen in Aussicht gestellt und versprochen werden, die
ich auf keinen Fall will. Ich werde so froh sein, wenn diese Plakate aus der
Stadt verschwunden sind, mit ihren unanständigen Angeboten und miesen Wünschen,
und ich glaube, ich weiß jetzt auch, warum die Gastinger erst diese Woche
zurückgetreten ist.
Denn dass sie in einer ausländerfeindlichen Partei ist, hätte der Gastinger
schon ein bissl früher
auffallen können, aber wenn man ein eigenes Baby hat,
und ich will die Justizministerin hier nicht auf ihre Mutterrolle reduzieren,
aber wenn man dann plötzlich ein eigenes Kind hat, denkt man auf einmal auch
über andere Kinder nach. Andere Kinder sind einem dann nicht mehr so egal, und
mit einem Mal wird einem bewusst, dass das ja nicht nur erwachsene ausländische
Drogenhändler sind, die Westenthaler da aus dem Land werfen will. Weil wenn man
300.000 Leute loswerden möchte, kommt man mit den Drogenhändlern und
Kriminellen nicht aus, dann muss man mitleidslos auch auf Kinder
zurückgreifen, auch auf kleine und ganz kleine Kinder, die für ihr Unglück und
den Ort, an den das Schicksal sie gestellt hat, nichts, gar nichts können, und
auf ihre Mütter und Väter.
Und das wähle ich nicht. Ich wähle auch nicht die Angst vor allem, was
irgendwie anders ist, ich wähle keine Tralala-Society-Politik, kein
Zweiklassen-Bildungssystem, keine Rumpelstilzchen-Paranoia, keine
Bleib-doch-lieber-daheim-Frauenpolitik, und dass Haberer das Land unter sich
aufteilen, wähle ich auch nicht. Weil ich bin schon lange erwachsen und kann
ich mich sieben Jahre zurückerinnern. Aber wählen gehe ich, denn wenn ich nicht
wähle, wählt wer anderer für mich: Und das will ich sicher nicht.