Doris Knecht
| 11/06
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Kunst & Kultur
| Unter Spießern
Der Lange zum Beispiel gehört nicht zu den letztes Mal hier bemühten Matulesken, Gott seis in jeder Hinsicht gedankt, außer im Zusammenhang mit Rohrzangen u.ä. Der Lange hat zu den üblichen männerkonnotierten Feierabendexpressionismen eine eher kulturrelativistische Einstellung. Das Bubenmädchen hat eine Belohnung für ich weiß nicht mehr was verdient und wünscht sich einen Matchbox-Audi, der Lange geht los und kommt mit einem Matchbox-Subaru zurück. Audis habe es keine gegeben, das sei aber fast das Gleiche. Ja, insofern es auch vier Räder hat: Das Bubenmädchen natürlich plärr, und mit was, mit Recht. Sogar mir, die ich zu unserem Auto ein extrem unverspanntes Verhältnis pflege (fährt es: gut, fährt es nicht: Taxi), ist der Unterschied zwischen einem Audi und einem Subaru klar, und Entschuldige, Langer, aber das kannst du echt nicht bringen. Wieso nicht, es ist eh blau. Blau?, du redest wie ein
Mädchen, also wirklich. Natürlich versteht der Lange das Problem nicht, und einerseits ist das natürlich sympathisch. Aber wer besorgt jetzt den Audi? Das andererseits.
Die Kinder kultivieren momentan nämlich einen Automarkenfimmel, es ist lästig. Vor allem auf der Straße. Man marschiert dahin, denkt an was, die Kinder: Schau Mama, ein Mini! Super. Schau, Mama, noch ein Mimi! Super. Schau Mama, ein Porsche! Super, und da fällt mir ein, ich sollte mal wieder Sedlacek anrufen, der hat doch... Schau Mama, ein Beämwe! Super. Vermutlich bedeutet der Automarkenfimmel irgendwas in der Art, dass sie ihre Umwelt jetzt als etwas egoextern Relevantes wahrnehmen oder sonst was entwicklungspsychologisch verdammt Notwendiges, aber mir macht diese Markenfixiertheit Sorgen. Nicht, dass das neu wäre: Mit eineinhalb erkannten sie den Pu-Bär, mit zwei das Disneylogo, jetzt können sie die Prestigedifferenz zwischen Audi und Subaru benennen, wir leben in modernen Zeiten.
Wie wir zum Beispiel letzten Sonntag bei den Buchwochen im Rathaus der Präsentation von Gauls Adventlieder-CD beiwohnen, fragt Gaul: Kinder, sagt mal, kennt ihr ein Weihnachtslied? Ruft der Breuss-Bub, der mit meinen Kinder vorne in der ersten Reihe sitzt: ja, Jingle Bells!, und ich grinse Mutter Breuss neben mir an: Designed by Kinderfernsehen, was? Aber als Gaul dann „Leise rieselt der Schnee“ anklimpert und wissen will, was denn das für ein Lied sei, brüllt eins meiner Kinder begeistert „Jesus!“, und es ist an Mutter Breuss, mich anzugrinsen. Jesus, was? Sie meint die Phase, weil der Song eben aus der jahreszeitlichen Jesus-Phase stammt, stammel ich, aber Mutter Breuss grinst ungebremst weiter und sagt, übrigens Knechtin, wenn du versuchst, deinen Kopf einzuziehen und unterhalb deines Kragens zu verbergen, merkt jeder, dass das dein Kind ist, du erzielst damit praktisch das Gegenteil des beabsichtigten Effekts, und ich sage, bist du jetzt fertig, und die Breussin grinst: jetzt ja.