3.11.06

Frische Luft wird doch eh überbewertet

Doris Knecht | 11/06 | Falter-Kolumne | Kinder und andere Mitbewohner | Kunst & Kultur

Es ist doch so, sagt der Lange: Die meiste brutale Musik verliert nach einiger Zeit ihren Schrecken, schleift ihre Härten ab und verbrüdert sich irgendwann mit deinem Gehör, nur nicht Slayer und Mama Falkner. In einem Experiment, wie lange Eltern es aushalten, das pädagogisch Wertvolle über das schier Unpackbare zu stellen, legen die Kinder mal wieder ihre Hits von vor dem dritten Geburtstag auf: Sie spielen von Samstag früh bis Samstag spät ohne Unterbrechung die „63 Kinderlieder. Gesungen und gespielt von Pauline Falkner“. Aufgenommen vor zehn Jahren von ihrem Buben Hans-Peter, dem Attwenger, dem Narrischen, dem Elternquäler, der die Auswirkungen seiner jugendlichen Unbedachtheit allerdings schon demnächst von seiner eigenen Zweijährigen in ihrer ganzen Gnadenlosigkeit zu spüren bekommen wird. (Mit vier, Hansi, kann sie den CD-Player dann übrigens schon ganz allein bedienen.) Mama Falkner und ihrer schönen, hohen Stimme kann man nichts vorwerfen, ja, die Anschaffung der „63 Kinderlieder“ (fishrecords / hoanzl) muss man sogar empfehlen, jedenfalls solange man die Hegemonie über den CD-Player hat. Denn wer von den ganzen exlustigen Neoeltern kann schon singen, also singen im Gegensatz zu dem, was man früher in der Punkband gemacht hat.

Aber, selber Schuld, denn da wir grad mit ansprechendem Erfolg versuchen, unsere Kinder vom Fernsehen zu entwöhnen, müssen wir ihre Erschließung alternativer Zeitvernichtungs- und Geräuschquellen wohl oder übel begrüßen. Aber sicher, ich spiele gern nochmal „Nanu?“ mit euch. Und, ja, dann noch eine Runde Gemüse-Memory (stöhn), und von mir aus machen wir dann auch noch das Dinosaurier-Puzzle. Ist übrigens nicht bald Schlafenszeit? Erst in zwei Stunden!?!? Meinerseel.

Allerdings, nochmal selber Schuld, hätte man am Wochenende natürlich auch mal das Haus verlassen können. Aber die Kinder wollten nicht. Was wollt ihr? Daheim bleiben, spielen. (Jessss.) Wollt ihr nicht ein bisschen in den Wald? Nein. (Jjjjjja!) Oder in den Prater, Radfahren, bei dem schönen Wetter? Nahein, haben wir gesagt! (Gute, gute, GUTE Kinder.) Denn das bedeutet für die Eltern die weitestmögliche Wiederherstellung des vermisstesten aller prämaternalen Zustände: Sich ganze Sams- und Sonntage nicht anziehen, in löchrigen Pyjamahosen am Sofa verwittern, und, während die Kinder die Wohnung verbauen und Mutter Falkner lauschen, alle Feuilletons bis zur letzten Medienminimeldung durcharbeiten. Mal ein halbes Stündchen mützen, die perfekte Rindssuppe beim Köcheln beobachten. Frische Luft wird doch sowieso überbewertet.

Dafür garantiert man dem Volk gerne die lückenlose Saft- und Pistazienversorgung, backt ihm ein paar Nusskipfel und spielt sogar bisschen Memory. Weil, Tatsache: So nahe waren wir dem perfekten Wochenende seit mehr als vier Jahren nicht.
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