10.11.06

Gar nicht wie Wien

Doris Knecht | 11/06 | Kurier-Kolumne | Stadt/Land

Manchmal ist diese Stadt viel netter als ihr Ruf. Manchmal gehen ihre Bewohner auf so freundliche Weise miteinander um, dass man sich kurz ganz woanders wähnt: Das soll Wien sein? Wien ist doch muffig, grantig, patzig und oft richtig gemein. Wien ist doch nicht nett.
Aber vorgestern  ist es mir, das  könnte Ihnen jetzt gefallen, nicht gelungen, mein Auto in diese Parklücke einzupassen; die war entschieden zu kurz für meine einparktechnischen Möglichkeiten, aber ich hatte es  entschieden zu eilig, um noch drei Runden um den Block zu cruisen.  Zefix! Da stand ein Mann vor dem Haus, wartete auf jemanden, schaute mir zu und hätte sich, weil wir in Wien sind, ganz normal schadenfreuen können, ein bisschen den Kopf schütteln,  die Augen himmelwärts verdrehen, derlei. Aber er deutete mir, das Seitenfenster runterzukurbeln, und dann wies er mich ein; es war, ehrlich, eine Weltmeister-Parklücke und es dauerte fünf oder mehr Minuten, aber der Mann hatte alle Geduld der Welt, bis mein Auto akkurat  in dieser Lücke stand: hinten  und  vorne je fünfzehn Zentimeter Luft, und ich kam genau rechtzeitig zu meinem Termin. Die Sonne schien. Es war nicht wie Wien.
Und gestern hat in der knallvollen Bim eine  Frau meinen eingequetschten Kindern ihren Platz angeboten. Wo es in Wien doch normal so ist, dass erschöpfte  Kinder von Bim-Plätzen vertrieben werden... gestern nicht. Es war nicht wie Wien.
Heute dann bin auf dem Weg zur Arbeit an einem kleinen Taschengeschäft vorbeigekommen, es war geschlossen. Ein Zettel hing dran: „Baby kommt!  Bin morgen wieder da!“ Darunter pickte ein gelbes Post-it: „Gratulation! Wir auch!“  Habe ich erwähnt, dass die Sonne schien? Es war nicht wie Wien.  Und es war richtig richtig nett.
« Mach doch mal selber (II) | Main | Von ganz, ganz innen »