12.11.06

Menschen zu Schafen

Doris Knecht | 11/06 | Kurier-Kolumne

Vielleicht liegt es ja gar nicht an meiner Ignoranz, dass mir jetzt auf Anhieb kein literarisches Werk neuseeländischer Provenienz einfällt. Filme: ja. Bands: ja. Romane: nein. Vielleicht liegt es daran, dass dem geschriebenen Wort in Neuseeland nicht allzuviel  Respekt entgegengebracht wird. Das schließe ich aus einer Nachricht  aus dem Land mit den vielen Schafen: Neuseeländischen Schülern ist nämlich ab sofort erlaubt, in Ihren Schulaufsätzen SMS-Kürzel zu verwenden. Zerstörte, zerhackte Wörter die im SMS dazu dienen, die Handyrechnung niedrig zu halten und den SMS-Tipp-Daumen nicht über Gebühr abzunützen.  Welchen Sinn solche Wort- und Satzfragmente  hätten die in Neuseeland schon mehr als genug. Schriftsteller dagegen... in Schulaufsätzen machen könnten, ist mir  dagegen unklar.
Wenn es um das geschriebene Wort geht, neige ich zum Konservativismus. Fantasievoll mit Schriftsprache spielen: schön, ok, aber vorher muss man sie erst einmal beherrschen, sonst ist es  nicht Spiel, sondern Unvermögen. Wer die Regeln nicht kennt, kann nicht fantasievoll gegen sie verstoßen.
Ja, Neuseeland ist weit weg, und sie reden dort Englisch, aber es ist ja keineswegs ausgeschlossen, dass die Idee nicht auch den deutschen Sprachraum ergreift.
Nichts gegen SMS. Immerhin bringt diese  fast altmodisch umständliche Form von Kommunikation Leute zum Verfassen von Sätzen, die früher außer dem Einkaufszettel oder einem „...hat-für-dich-angerufen“-Post-it wenig geschrieben haben. Und wie wer auf seinem Handy Wörter häckselt: Privatsache. Aber in der Schule? Im Aufsatzheft? Während das korrekte Formulieren grad erst erlernt wird? Jetzt schon: nein.
So macht man Menschen zu Schafen. Dabei würde man meinen, Schafe hätten die dort schon genug. Schriftsteller dagegen...
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