Doris Knecht
| 11/06
| Beschwerden
| Kurier-Kolumne
Herr M. brauchte neue Reisepässe für seine beiden Kinder und begab sich auf ein Bezirksamt. M. hatte sich zu diesem Zweck von der Arbeit frei- und die Kinder für einen Tag aus der Schule genommen. Um neun Uhr früh zogen sie im Wartesaal eine Nummer: 521. Eine digitale Anzeigentafel informierte darüber, dass im Augenblick die Nummer 475 an der Reihe war: Das konnte dauern, M. beschloss, die Wartezeit zu nutzen und ging mit den Kindern ein Handy kaufen. Eine Dreiviertelstunde später kehrten sie zurück, die Tafel zeigte die Nummer 476.
Herr M. und seine Kinder verließen den Wartesaal für eine weitere Stunde, fanden bei der Rückkehr die Nummer 479 vor, begannen zu rechnen und
kamen auf eine proximative Restwartezeit von elf Stunden, also weit über die Öffnungszeiten und den freigenommenen Schul- und Arbeitstag hinaus.
Das trieb M. einen Stock tiefer zum Bürgerservice, wo er sich beschwerte. Ein sehr freundlicher Herr verwies ihn direkt an die sehr freundliche Bezirksamtsleiterin, von der Herr M. , nacheiner aufrichtigen Entschuldigung, dreierlei erfuhr: Erstens machen die neuen Hochsicherheitspässe doppelt so viel Arbeit wie die alten, zweitens sei den Bezirksämtern nun auch Meldewesen und Fundservice, aber keine zusätzlichen Mitarbeiter zugeteilt worden, stattdessen habe, drittens, die Gemeinde auch noch Personal abgezogen.
Man sei völlig überlastet; sagte die verzweifelte Leiterin, und nachdem seine Kinder ausnahmsweise vorgereiht worden waren, erfuhr M. von dem sehr freundlichen Passstellenleiter, dass bereits zwei Mitarbeiterinnen gekündigt hatten, weil sie es nicht mehr ertrugen, den ganzen Tag von zornigen Bürgern gehasst und beschimpft zu werden. Für eine Situation, für die sie überhaupt nichts können.