Doris Knecht
| 11/06
| Arbeit & Wirtschaft
| Kunst & Kultur
| Kurier-Kolumne
| Unter Spießern
Schimpft mich gestrig, heißt mich technologiefeindlich, unterstellt mir ein gestörtes Verhältnis zur Moderne: Aber Computerspiele machen mir Angst. Genauer, die Computerspielerei, wie sie Besitz von Menschen ergreift, wie sie in der Lage ist, Menschen von der Realität zu entfremden. Wie sie ihnen den Eindruck vermittelt, die Teilnahme an dieser altmodischen und technologisch ziemlich überholten Realität sei nicht verpflichtend, wo es doch eine schöne Auswahl an weit attraktiveren neuen Realitäten gibt, ganz easy per Konsole zu bedienen.
Ein neues Online-Rollenspiel nennt sich extrem folgerichtig „Second Life“ und ermöglicht es den Mitspielern, sich
im Internet als idealiserte Parallelexistenz neu zu erfinden und ein fantastisches, garantiert besseres Parallelleben zu führen.
„Second Life“ hat, weiß profil, bereits 1,2 Millionen Einwohner und kein Schrumpfungsproblem: die Bevölkerung wächst monatlich um 30 Prozent. Heißt: Jeden Monat ziehen etwa 400.000 neue User mit ihren Avataren – virtuellen Alter Egos – in eine selbstkonstruierte Idealumgebung und lassen die dann all die Dinge tun, die sie sich im richtigen Leben nicht erlauben oder leisten können, nicht trauen, nicht zutrauen. Und: Sie reden, tanzen, kopulieren und leben dort mit anderen, denen es ebenso geht.
Finde ich besorgniserregend. Ist ja kein Training für einen friktionsfreieren Umgang mit der Wirklichkeit oder zur Optimierung der eigenen Fähigkeiten, korrigierend auf sie einzuwirken, sondern: die schiere Flucht daraus. Zum Eskapismus der Soaps und Chatrooms gesellt sich jetzt auch noch die Parallelwelt von „Second Life“: aus der berichtet sogar ein echter Reuters-Korrespondent. Live. Verhöhnt mich als spaß- und fantasiefeindlich, aber mir macht das Sorgen.