01.11.06

parallelgesellschaft.com

Doris Knecht | 11/06 | Arbeit & Wirtschaft | Kunst & Kultur | Kurier-Kolumne | Unter Spießern

Schimpft mich gestrig, heißt mich technologiefeindlich, unterstellt mir ein gestörtes Verhältnis zur Moderne: Aber Computerspiele machen mir Angst. Genauer, die Computerspielerei, wie sie Besitz von Menschen  ergreift, wie sie in der Lage ist, Menschen von der Realität zu entfremden. Wie sie  ihnen den Eindruck vermittelt, die Teilnahme an dieser altmodischen und technologisch ziemlich  überholten Realität sei nicht verpflichtend, wo es doch eine schöne Auswahl an weit attraktiveren neuen Realitäten gibt, ganz easy per Konsole zu bedienen.
Ein neues Online-Rollenspiel nennt sich extrem folgerichtig „Second Life“ und ermöglicht es den Mitspielern, sich im Internet als  idealiserte Parallelexistenz neu zu erfinden und  ein fantastisches, garantiert besseres Parallelleben zu führen.
„Second Life“ hat, weiß profil, bereits 1,2 Millionen Einwohner und kein  Schrumpfungsproblem: die Bevölkerung wächst monatlich um 30 Prozent.  Heißt: Jeden Monat ziehen etwa 400.000 neue User  mit ihren Avataren – virtuellen Alter Egos – in eine selbstkonstruierte Idealumgebung und lassen die dann all die Dinge tun, die sie sich im richtigen Leben nicht erlauben oder leisten können, nicht trauen, nicht zutrauen. Und: Sie reden, tanzen, kopulieren und leben dort mit anderen, denen es ebenso geht.
Finde ich  besorgniserregend. Ist ja kein Training für einen friktionsfreieren Umgang mit der Wirklichkeit oder zur Optimierung der eigenen Fähigkeiten,  korrigierend auf sie einzuwirken, sondern: die schiere Flucht daraus. Zum Eskapismus der Soaps und Chatrooms gesellt sich  jetzt auch noch die Parallelwelt von „Second Life“: aus der berichtet sogar ein echter Reuters-Korrespondent. Live. Verhöhnt mich als spaß- und fantasiefeindlich, aber mir macht das Sorgen.
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» 02.11.06 10:58
keyserkeli

bürger von konsolien,
lasst die zeit frei,
lasst sie laufen.
denn wir zwei aus mongolien,
können die ganz gut gebrauchen...
(jan delay, 2001!)

» 06.11.06 14:27
ernst

Man muss das natürlich schon differenziert sehen. Per se sind Computerspiele natürlich nicht böse, und ein bisserl Eskapismus praktiziert jeder, sei es Fernsehen, Lesen, Musikhören oder der gleichen.
Nur muss festgestellt werden, dass vor allem Online-Rollenspiele ein enormes Suchtpotential in sich bergen. Auch ich selbst habe früher einmal viel Zeit mit Computerspielen verbracht, aber zum Glück war das vor der Zeit von World of Warcraft, Second Life und Co., sonst wär ich vielleicht auch in dieser Welt verloren gegangen.
Ich kann mir ja nicht ganz vorstellen, worin die Motivation liegt, seine Tage in einer virtuellen Welt zu verbringen. Scheiß Leben? Ich weiß es nicht. Ich mein, ich bin auch nicht völlig zufrieden mit meinem Leben, aber man muss sich halt anstrengen und versuchen, es sich zu richten, wie man es haben will. Sein Leben in eine virtuelle Realität zu hieven bringt jedoch gar nichts. Denn nur das echte Leben ist echt und lebenswert.

Netter Artikel zur Thematik:
http://www.fm5.at/artikel.php?id=1893

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