Doris Knecht
| 11/06
| Beschwerden
| Frauen / Männer
| Kurier-Kolumne
Früher hat man geil gesagt, oder cool oder lässig, heute sagt man sexy. Es ist jetzt vieles sexy: sexyness beschränkt sich längst nicht mehr auf Anwendungen im erotischen Kontext: Gegenstände können sexy sein, Gebäude, ganze Städte. So konstatierte kürzlich der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, die deutsche Hauptstadt sei „arm aber sexy“. Cool.
Das hat man auch in Wien gehört. Gilt Wien doch international als schöne Stadt – aber geil, cool, lässig oder gar sexy sind nicht die Adjektive, die in Reiseführern in Zusammenhang mit der Wienerstadt gebracht werden: Immer nur Schnitzel, Fiaker und Mozart, stets bloß Kaisers hier und Sissi dort, ewig gnä Frau hin und küss die Hand her, aber sexy: nie.
Offenbar dachte nun der Finanzstadtrat, dass man das ändern müsste, dass Wien auch anders und viel cooler konnotiert sein sollte, ging tapfer voran und sprach bei einer Budgetdebatte die Worte, Wien sei „sexy aber nicht arm“. Wohl weil es ihm sehr gefiel, wie das Wort sexy
so lasziv über seine Finanzstadtratszunge schnurrte, ganz anders als Haushaltsdefizit, Kontrollausschuss oder Finanzausgleich, sprach Sepp Rieder es dann gleich noch einmal, in spezifischerem Zusammenhang. Die City, sagte er, bleibe sexy, „wenn sich die missionarische Ursula nicht zu sehr anstrenge“. Das war nicht sehr fein, gemein gewiss und für die Situation eindeutig zu vertraulich, aber es war nicht, wie sich VP-Stadträtin Cortolezis-Schlager empörte, sexistisch.
Sexistisch wäre es, hätte Rieder Frau Stenzel mit einer abwertenden Anspielung auf ihr Geschlecht oder ihre Körpermerkmale beleidigt: hat er nicht. Sexy bezog sich auf die Innenstadt, missionarisch auf das Stenzelsche Wirken dort. Und es so zu nennen, ist ja nicht unrichtig.
Sexismen ahnden: gut! Immer! Doch nützt es dem Kampf gegen Sexismus, wenn man nach ihm tritt, wo er nicht ist? Im Gegenteil.