11.11.06

Von ganz, ganz innen

Doris Knecht | 11/06 | Falter-Kolumne | Frauen / Männer | Freunde | Kinder und andere Mitbewohner | Unter Spießern

Wie wir kürzlich auf diesem Kindergeburtstag eingeladen waren, kam ich neben einer Mutter zu sitzen. Nona. Wir plauderten so. Man ist ja höflich, man will ja nicht schon beim Anschnitt des Geburtstagskuchens den schlechten Eindruck hinterlassen. Den schlechten Eindruck hinterlass ich lieber später, wenn die braven Mütter schon heimgegangen sind, während man selbst gerade mal deutlich eine Meinung formuliert, zu zu zu, ich weiß nicht: zu Elitekindergärten, zu den Koalitionsverhandlungen, zur Fischqualität in Wien, zu Müttern ohne Makel. Ja, zu Müttern ohne Makel, weil in irgendeinem Magazin hat immer grad eine wieder ihre fleckenlose Entspanntheit hergezeigt: ach, drei, vier Kinder, Haushalt und Beruf, das schafft man mit einem bisschen guten Willen, etwas Organisationstalent und vor allem ganz, ganz viel Liebe doch wie nix. Die zwei bis drei Kindermädchen und/oder Euromillionen, die der Gatte jährlich heimträgt, bleiben unerwähnt, weil die haben mit der Gelassenheit nichts zu tun, denn so eine Gelassenheit kommt von innen, wissen Sie: von ganz, ganz innen.
  Aber noch plaudern wir höflich; die Mutter neben mir ist sogar derart höflich, mich zu fragen, was ich so mache. Ich sags ihr halt, und sie sagt, ach Sie sind die?, und dass sie das manchmal liest, und mich, also jetzt vom Foto her, gar nicht erkannt hätte. Das ist schon ok, aber nicht ok ist, dass sie dann sagt, aber, naja, auf dem Foto sei ich halt doch wohl EINIGE Jährchen jünger als jetzt. Ich zeige ein fleckenloses gelassene-Mutter-Lächeln und sage jaja, stimmt, haha. In Wirklichkeit ist das Foto knapp zwei Jahre alt und ich bin ehrlich gesagt, schockiert, weil ich offenbar akkurat die Realität nicht schauen will. Dabei hat Dr. Posch, einer der Buchhändler meines Vertrauens, kürzlich, wie er freundlicherweise mein Buch* in seinem Schaufenster platzierte, auch gesagt: Da schau, ein Buch von einer 16-jährigen. Lustig!
  Gut, die Fotos sind etwas überbelichtet. Gut, den Winkel gibt’s in der Wirklichkeit so nicht. Aber, sorry, seit wann ist es verboten, ein zart idealisiertes Selbstbild zu pflegen, und dass ich das Älterwerden die letzte Scheiße finde, habe ich bitte nie abgestritten.
Sollten Sie aber zufällig dieser Tage in „Woman“ lesen, ich sei 38: Also das hab ich nie behauptet. Da bin ich gar nicht danach gefragt worden und wäre ich: kein Problem. Ganz locker, genau so wie ich es in meiner AV*-Gruppe seit Monaten übe, hätte ich gesagt: Ich bin, ich bin, also ich bin.... tief durchatmen... geht schon, danke. Nur einen Moment noch. H. H. H. Phhhhhh. Ich hätte also gesagt.... also, also, also. Also: Hallo, mein Name ist Doris, und ich bin vierzig. Danke, ja, es tut irrsinnig gut. Aber jetzt bitte einen Papiersack, ich muss schnell hyperventilieren.

*) Anonyme Vierzigjährige. Witz.
 
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» 13.11.06 21:28
bobbes

hihi. ich atme auch immer ganz arg durch...

» 23.11.06 17:20
frankie

Das Kuerzel AV* passt auch als AV** die, wenn Einundvierzig, schon zu den FF*** gehoeren.

*Anonyme Vierzigjährige
**Alters-Verneiner
***Frueh-Fuenfziger

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