Doris Knecht
| 12/06
| Falter-Kolumne
| Frauen / Männer
| Freunde
| Kinder und andere Mitbewohner
| Unter Spießern
Großes, dramatisches Gehtsdirnoch, Jetzthatsdichaberkomplett plus extensives Vogelgezeige nach der letzten Kolumne. Bei der Glockenmarkt-Eröffnung* wurde ich tüchtig verlacht, der Freundeskreis ist genervt wegen der gestörten Kochangeberei und aufgebracht wegen meines Feldzugs gegen fernsehende Kinder; spinnst denn du, du gräbst uns doch die letzten Ruhe-Reserven ab, was soll jetzt plötzlich schlecht sein an pädagogisch wertvollem Kinder-TV. Das: dass ich pädagogisch wertvolles TV zwischenzeitlich für eine Contradictio in adjecto halte. Und dass ich finde, es könnten ruhig wieder mal ein paar frische Mindeststandards eingezogen werden, und wenn die bitte in meiner Umgebung nicht allzu offensiv unterschritten wü... Ja, ich halt eh schon mein Maul.
Mit meiner Kocherei aber liege ich, wie mir die „Zeit“ diese Woche bestätigt, im Trend, denn „das Bürgertum“, so steht dort geschrieben, „inszeniert sich heute an seinen Herdplatten“. (So fertig bin ich, dass ich mich mittlerweile vom Begriff „Bürgertum“ erfasst fühle.) Die „Zeit“ hat ein gutes
Fressen-Extra produziert, das „Süddeutsche Magazin“ ein beängstigend schlechtes, in dem unter anderem drollige Einstellungen gepflogen werden, die der Lange und die Lebensgefährten der anderen hantigen Halbehalbe-Weiber nun gerne flugs übernehmen würden. Hier stehts, sagt der Lange und trägt mir eine Passage aus einem Interview mit einem französischen Soziologen und Koch-Fanatiker vor, der auf die Frage, wer bei ihm daheim denn nach dem Kochen den Dreck wegmache, gewissenlos mit „meine Frau“ antwortet: Denn es existiere, so der Franzose, „ein Gedächtnis des Körpers und der unbewußten Verhaltensroutine“, die es Männern noch immer und noch lange praktisch verunmögliche, das Geschirr abzuwaschen oder den Herd zu putzen. Und sie können sozusagen gar nichts dafür.
Derartiges konstatiere auch ich in meiner Bekanntschaft, leider besonders bei einzelnen Freundinnen, die sich von ihrem Körpergedächtnis noch immer mal wieder gern in die 1950er zurückbeamen lassen. Bedauerlicherweise wurde mir die Verwendung einer kürzlich erfolgten Unterhaltung über moderne Paschas und ihre baatzwaachen Frauen, in der unter anderen die Worte ENTSCHULDIGE, ABER, DU, WIRFST, DIE, FRAUENBEWEGUNG, UM, JAHRE und ZURÜCK fielen, ausdrücklich untersagt. Dabei wärs so! so! so! exemplarisch, aber die Reserven verbliebener Freunde erlauben mir keinen allzu verschwenderischen Umgang mit Gemeinheiten und Vertragsbrüchen. Vielleicht sollte ich mich überhaupt besser mal generell bei allen entschuldigen. Andererseits muss, wer die Utopie einer Gesellschaftsoptimierung mit radikal überarbeitetem Wertekanon vor sich herträgt, mit Gegenwind wohl rechnen... Nietzsche hatte auch nicht so viele Freunde, oder.
*)Glockenmarkt, 2., Glockengasse 6/1, 1. bis 23. 12., tägl. 12 bis 21 Uhr: handbedruckte Bee-Shirts, Mode von Karin Krank und auch sonst total schöne Sachen.