Doris Knecht
| 12/06
| Kunst & Kultur
| Kurier-Kolumne
| Unter Spießern
In „Das weiße Album“, ihrer Essaysammlung aus 1979, beschreibt die amerikanische Autorin Joan Didion auch die psychischen Probleme, die ihr in den turbulenten 1960er-Jahren in Los Angeles, zu schaffen machten. Ihr Arzt habe ihr, schreibt Didion, geraten „ein einfaches Leben“, zu führen, wenngleich er nicht sagen konnte, ob es ihr helfen würde und wie. Es schien einfach ratsam.
Didions Prosa-Band gehört zum Besten, was ich 2006 (wieder)gelesen habe, und seither denke ich über das „einfache Leben“ nach. Ein einfaches Leben: Das hat so eine klare, saubere Poesie, die würde man gern ins eigene Leben einbringen.
Bloß, wie macht man das. Kann man das lernen oder geht das so? Was wär dafür zu opfern: Dinge? Gewohnheiten? Vorstellungen? Ideale? Und
würde man dafür automatisch entschädigt mit Spiritualität oder Klarsicht? Würde man ein anderer Mensch werden? Würde man der sein wollen? Wenn nicht gerade zwei ferngesteuerte Autos um mich rumheulen würden, fielen mir vielleicht Antworten ein. Immerhin: Didion wusste es damals auch nicht.
Vermutlich weiß sie es jetzt, 30 Jahre später, aber noch ist es mir nicht gelungen, mein Leben so weit zu entkomplizieren, dass ich es schaffe, Didions neues Buch „Das Jahr des magischen Denkens“ zu lesen. Aber morgen. Bald. Dann.
Aber ich habe, das geht neben der Herumkompliziererei, Ernst Moldens CD „Bubenlieder“ gehört. Die ist nicht schlecht, aber „Nix Erleichterung“, das 13. Lied darauf, gehört zu den schönsten Liedern, die ich dieses Jahr gehört habe; wieder und wieder. Da sucht auch einer was, wünscht sich auch ein einfacheres Leben und einfachere Antworten und findet sie nicht und sucht halt weiter. Und das hat so eine klare, saubere Poesie . . . die wirkt sofort.