Doris Knecht
| 12/06
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Kunst & Kultur
| Unter Spießern
Eines der Probleme, die aus dem totalen Kinder-TV-verzicht resultieren: man kann den Kindern nicht mehr mit Fernsehverbot winken, wenn. Oder wenn nicht. Die Erpressung mit drohendem Privilegien-Entzug muss also substituiert werden, und mit was, mit Belohnung für wenn nicht. Oder für wenn.
Zum Beispiel könnte ein Kind Gefallen am Rülpsen finden, und weil eine rülpsende Vierjährige im Moment putzig und überhaupt nicht wie eine Person wirkt, die das Rülpsen, kaum dass sie es perfekt beherrscht, zu einer Vollbeschäftigung macht, wird ihr von ihrer dummen Mutter beigebracht, wie sich die Sache man mit einem bisschen Luftgeschlucke optimieren lässt. Natürlich bereue ich das in der Minute. Seit ich Kinder habe, bereue ich ständig, zum Beispiel, dass ich ihnen das Sprechen beigebracht habe. Jedenfalls rülpst das Kind dann den ganzen Tag, obwohl es selbst weiß, dass das umhöflich ist; dass das umhöflich, ist hat es im Kindergarten gelernt, aber es hat auch schon gelernt, dass die Regeln, die im Kindergarten gelten, nicht zwingend auch zu Hause gelten müssen. Es rülpst also und rülpst in einer Frequenz, die selbst Eltern überfordert, die in ihrem früheren Leben einer Religion anhingen, in der es als normal galt, periodisch auf
Bürgersteige zu schlatzen, andere Menschen rituell mit Bier zu begießen oder sich während eines Gespräches, wenn es die Sitation erforderte, mal kurz über die Schulter zu übergeben. Und da ich dem Kind nicht mehr mit Fernsehverbot drohen kann und es die alternativ angeboten schweren Prügel mit perlendem Gelächter quittiert, muss ich ihm was bieten, und ich biete als Rülpsersatz einen dieser seit Wochen geforderten Riesenluftballons vom Christkindlmarkt, so einen wie letztes und vorletztes Jahr, und der Vorschlag wird, nachdem sich das andere Kind schnell eine belohnungsabhängig revidierbare Unart zugelegt hat, von beiden Kindern akzeptiert.
Wir kaufen also am Christkindlmarkt einen riesigen Tyrannosaurus Rex mit merkwürdig verdrehtem Kopf und einen riesigen Glitzer-Pegasus um insgesamt 24 Euro, vielen Dank. Es gelingt uns, die Trümmer unbeschädigt durch Bim-, Aufzug- und Wohnungstüren zu bringen, worauf sich die Kinder noch genau eine halbe Stunde dafür interessieren, worauf die Viecher tage- und wochenlang an irgendeiner Decke picken und mich erschrecken, wenn ich in der Nacht aufs Klo muss, worauf so langsam das Helium entweicht: Dann sinken sie und fangen an, mich zu verfolgen, schweben immer so rum, tauchen ständig von selbst wo auf, sind plötzlich neben einem oder lauern hinter ahnungslos geöffneten Türen. Es ist gruselig. Seit ich Kinder habe, die selbstständig Riesenluftballons erpressen können, ist mir der Advent eine Schreckenszeit. Wann immer ich mich umdrehe, ist einer hinter mir, starrt mich aus Glitzeraugen an und flüstert: Sssselber Schuld, hättesssst ihnen halt nie das Sssssprechen beibringen ssssollen. Und das Rülpsssen.