15.12.06

Sie haben ja so Unrecht!

Doris Knecht | 12/06 | Kinder und andere Mitbewohner | Kurier-Kolumne

Vor einiger Zeit vertrat ich die Idee, Kinder doch lieber ohne TV und Computerspiele  aufwachsen zu lassen.
 Sicherheitshalber spannte  ich schon mal den inneren Schirm auf, gegen das Unwetter, das die Leser zweifellos auf  mich herunterprasseln lassen würden. Da hatte ich mich aber getäuscht. Und zwar wie.
„Ganz Ihrer Meinung!“ schrieb Frau W., „Danke für Ihren unpopulären Beitrag“, meinte Herr H.,  „Bravo!“, rief Frau Sch. und „Sie haben ja sooo recht!“ Frau V.  Frau B. und Frau K. berichteten von positiven Erfahrungen mit dem TV-freien Aufwachsen ihrer  Kinder, Herr J. konnte meinen Ansichten viel abgewinnen, Frau T. freute sich über deren Deckung mit den ihren, Frau A., Herr Sch. und Herr P. teilten

meine Meinung, Herr Sch. sandte ein schlichtes „Danke“.
 Nur Herr  W. mailte, er könne mir in kaum einem Punkt Recht geben, und das ist besonders interessant, denn Herr W. ist 18 Jahre alt, HTL-Schüler und, wie er in seinem langen, virtuos formulierten Mail berichtet, ohne TV aufgewachsen. Allerdings sei er, kritisierte W., zwar nicht vom Fernsehen, aber von den drei abonnierten Tageszeitungen seiner Eltern überaus anschaulich über das Böse in der Welt informiert worden, und das Computerkillerspielen habe er eben in der Schule, zwischen EDV-Kursen, von den Kollegen  gelernt . Und er tue es gern. Dennoch könne er sehr wohl zwischen virtual reality und Realität unterscheiden. So; ich hätte also  Unrecht. 
 Aha. Und: Ja, vielleicht, wenn man davon absieht,  dass dieser bildschirmfrei sozialisierte 18jährige der einzige Jugendliche war, der meinen Beitrag gelesen und ihn wohlgesetzten Worten kritisiert hat... Danke. Genau darauf wollte ich hinaus.

 

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