Doris Knecht
| 12/06
| Kinder und andere Mitbewohner
| Kurier-Kolumne
Vor einiger Zeit vertrat ich die Idee, Kinder doch lieber ohne TV und Computerspiele aufwachsen zu lassen.
Sicherheitshalber spannte ich schon mal den inneren Schirm auf, gegen das Unwetter, das die Leser zweifellos auf mich herunterprasseln lassen würden. Da hatte ich mich aber getäuscht. Und zwar wie.
„Ganz Ihrer Meinung!“ schrieb Frau W., „Danke für Ihren unpopulären Beitrag“, meinte Herr H., „Bravo!“, rief Frau Sch. und „Sie haben ja sooo recht!“ Frau V. Frau B. und Frau K. berichteten von positiven Erfahrungen mit dem TV-freien Aufwachsen ihrer Kinder, Herr J. konnte meinen Ansichten viel abgewinnen, Frau T. freute sich über deren Deckung mit den ihren, Frau A., Herr Sch. und Herr P. teilten
meine Meinung, Herr Sch. sandte ein schlichtes „Danke“.
Nur Herr W. mailte, er könne mir in kaum einem Punkt Recht geben, und das ist besonders interessant, denn Herr W. ist 18 Jahre alt, HTL-Schüler und, wie er in seinem langen, virtuos formulierten Mail berichtet, ohne TV aufgewachsen. Allerdings sei er, kritisierte W., zwar nicht vom Fernsehen, aber von den drei abonnierten Tageszeitungen seiner Eltern überaus anschaulich über das Böse in der Welt informiert worden, und das Computerkillerspielen habe er eben in der Schule, zwischen EDV-Kursen, von den Kollegen gelernt . Und er tue es gern. Dennoch könne er sehr wohl zwischen virtual reality und Realität unterscheiden. So; ich hätte also Unrecht.
Aha. Und: Ja, vielleicht, wenn man davon absieht, dass dieser bildschirmfrei sozialisierte 18jährige der einzige Jugendliche war, der meinen Beitrag gelesen und ihn wohlgesetzten Worten kritisiert hat... Danke. Genau darauf wollte ich hinaus.