Doris Knecht
| 12/06
| Falter-Kolumne
| Frauen / Männer
| Kinder und andere Mitbewohner
| Unter Spießern
Also heuer hab ich mir gedacht, machen wir doch Weihnachten mal meine alten Eltern glücklich. Obwohls enorm unalte Eltern sind, von der Sorte energetischer Pensionisten, die selbst für das Adjektiv „rüstig“ zu übermütig sind, pro Tag 30 Kilometer wegradeln, im Durchschnitt, bei der Schwester am Bau mithelfen und nebenbei noch die Buchhaltung vom kleinen Bruder erledigen. Trotzdem: Die Natur hat es so eingerichtet, dass am Heiligabend Eltern ihre Kinder und Großeltern ihre Enkel um sich scharen wollen, im Elektrokerzenschein, das ist Glück, oder. Also hab ich mir heuer gedacht, machen wir doch mal meine alten Eltern glücklich, fahren wir doch mal drei Tage früher raus, verbringen wir doch mal den Heiligabend bei ihnen, das erste Mal seit ewig. Und sonst sind die am Heiligabend ja immer allein.
Wie ich das dem Langen mitteile, machen seine Mundwinkel naturgemäß keinen Hopser, was nicht am Verhältnis des Langen zu seinen Schwiegereltern liegt, sondern am Verhältnis des Langen zu Humanoiden aller Art. Je weniger davon um ihn sind, desto besser; am
allerbesten, sie nehmen Kontakt zu ihm nur distantes Musizieren auf oder durch das Verfassen von Zeitungen und Literatur. Aber auch der Lange kann sichs nicht aussuchen, der Lange also: hmm, wenn du meinst. Und, ja, ich meine. Ich meine, das ist eine ausgezeichnete und ungemein erwachsene Idee, und der Lange sagt, na, dann, und pronto erzähl ichs den Kindern: Kinder! Weihnachten heuer bei Oma und Opa! Die Kinder: Wieso?! Ich: Ja, freut ihr euch denn nicht? Oma und Opa werden ganz glücklich sein! Die Kinder: Und die Geschenke? Ich: Bringt das Christkind zu Oma und Opa! Die Kinder: Und der Baum? Ich: Brauchen wir nicht, Oma und Opa haben eh einen riesigen, glitzernden und alles, und den Kindern spritzen die Tränen waagrecht aus den Augen. Sie schluchz wollen schluchz nicht schluchz zu Oma und schluchz Opa, sie wollen schluchz einen schluchz Baum und daheim und buhuhu. Ich putz den kleinen Scheißern die Nase und zähle 35 Gründe auf, warum Weihnachten bei Oma und Opa grad so gut ist wie zuhause, ach: besser, aber erst als ich anbiete, dass wir von. mir. aus. halt auch für Wien noch einen kleinen Baum besorgen, lassen sich die Gfraster überreden. Phhh.
Ras ich also endlich zum Telefon und wähle meine Mutter an, und rufe, Mutter! Horch zu! Wir feiern Weihnachten heuer bei euch! Was! Sagst! Du! Und Mutter sagt: Hmm, äh, hmmmm, tja, hmm, schön, ph, da muss man sich dann hm halt noch überlegen, wie man das äh organisiert, aber tja, hm, also, äh, super. Zwei Minuten später nehm ich meine Pläne zurück und mache fünf Menschen glücklich, darunter zwei unalte Eltern, die, Tatsache, am Heiligabend ganz gern für sich sind, bevor der Sturm am übernächsten Tag dann sowieso über sie hereinbricht. Also wir; so billig kann Glück sein.