Doris Knecht
| 01/07
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Prost Mahlzeit
| Unter Spießern
In Wirklichkeit essen unsere Kinder nämlich nichts. Was viel ist, verglichen mit den anderen Kindern, die gar nichts essen. Von all den Kindern, die ihren Eltern zufolge beim Essen total unkomplizert sind und eigentlich alles essen, kenne ich keines, das angesichts eines vollen Tellers nicht so lange meckert, bis sich darauf nur noch Pommes, Würstel, Pizza oder Nudeln mit nichts befinden. Mit nichts, hab ich gesagt! Weg die grausige Soße! Mein ganzes Elternleben lang hab ich noch kein Kind gesehen, das ein von den Eltern ohne Rücksicht auf die vertraglich fixierten Cateringvorlieben collagiertes Menü widerstandslos isst, außer es wurde zuvor mit schweren Drohungen eingedeckt, die Weihnachten und alle Geburtstage bis zur Volljährigkeit einschlossen. Und nie im Leben sah ich ein Kind vor einem vollen Teller sitzen, ohne umgehend mit dem Gemüsemanagement zu beginnen: Wenn ich statt dem Lauch,
den Karotten und den Brokkoli Pommes kriege, bin ich bereit ein kleines Weah zu probieren; aber mit viel Ketchup, um das Weah vorher darin zu ersäufen. Kein Kind, das ich kenne, unterwirft sich freiwillig dem programmatischen Dikat vernünftiger Ernährung.
Letzte Woche verschmähten meine Kinder sogar die vom Horvath auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin zubereiteten Fleischlaberl mit Pürree, und ich log dem Horvath vor, dass mir der Grund dafür völlig schleierhaft sei, wo sie jetzt sonst alles, wirklich alles essen, du kannst dir gar nicht vorstellen, was die in den Ferien bei der Oma weggehabert haben, ein Wahnsinn, und der Horvath tat so, als bemerkte er meine spöroten Lügnerbacken nicht. Aber das muss er auch, denn nächste Woche essen sie bei uns, und dann wird der Horvath total überrascht sein, warum sein Bub würgend die bestellte, selbstgemachte Tomatensauce ablehnen wird, das ist doch sonst seine Lieblingsspeise, ich kann das gar nicht verstehen.
Aber es stimmt, dass meine Kindern in den Ferien gegessen haben wie ausgehungert. Und zwar deshalb, weil im Rentenplan meiner Mutter nicht viel dagegen spricht, Kindern Nutella aufs Frühstücksbrot, zu den Mittagpalatschinken und zur Abendjause zu servieren. Ich musste mein ganzes ICH!-bin-die-Mutter-dieser-Kinder-Dings auf die Familienwaage werfen, um den Einsatz von Nutella auf einmal täglich zu beschränken. Meine Mutter hat vier Kindern fast zwanzig Jahre lang täglich beim Gemüsemanagement zugeschaut, sie sieht nicht ein, warum sie sich das bei ihren Enkeln nochmal antun soll. Nicht ihr Job. Sie ist jetzt so schön ausgeglichen. Das leuchtet mir ein; nichts desto trotz versuche ich ihr den Unterschied zwischen Nahrung und Nutella klarzumachen, eine Korinthenkackerei, auf die man in den 1970ern eher wenig Wert gelegt hat, und meine Mutter läßt kein Verlangen erkennen, im Alter noch damit anzufangen. Von mir aus: Solange meine Kinder weiter glauben, es gäbe in Wien kein Nutella, kann ich damit leben. Und sie essen ja sonst alles.