3.01.07

Das will ich nicht sehen

Doris Knecht | 01/07 | Kurier-Kolumne

Diese Kinder auf den Straßen, auf öffentlichen Stiegen und in U-Bahnstationen, diese Kinder, die dort von ihren Müttern oder irgendwelchen Leuten zum Betteln missbraucht werden: Diese Kinder sind ein schwer zu ertragender Anblick. (Was ich mich zudem immer wieder frage: Warum schlafen viele dieser Kinder mitten am Tag so tief? Was hat man denen gegeben, damit die so tief schlafen?)
Man will das nicht sehen.  Man weiß, dass man ihnen als Privatperson nicht helfen kann.  Man wünscht sich, sie wären nicht da, sondern in einem Zuhause, in einer Schule. Aber der moderne, politisch gebildete Altruist ist ja nicht blöd; er hat  gelernt, den Anblick strukturellen Elends auszuhalten: Weniger aus Abgestumpftheit gegenüber dem Unglück anderer Leute, sondern weil er weiß: Der Umstand, dass wir das Unglück nicht mehr sehen, bedeutet ja nicht, dass es weg ist.   Die Kenntnis der Phänomenologie der Armut erzeugt in uns eine Scheu, die Entfernung dieser bettelnden Kinder aus dem Stadtbild zu verlangen. Wenn sie uns nicht anbetteln dürfen, zwingt man  sie, wen andern anbetteln: Ein glückliches Zuhause, eine Schulbildung zaubert  es nicht herbei.
Ja, man begrüßt den Entschluss der Wiener Stadtregierung,  das Betteln mit Kindern zu verbieten. Aber natürlich würde man auch gerne wissen,  was dann. Was dann? Mit welchen flankierenden Maßnahmen wird diesen Kindern geholfen  – und ihren Eltern, oder wer immer diese Leute sind, mit denen sie da sitzen? Werden sie nur von der Straße vertrieben, nur zurück in ihr Herkunftselend geschickt, damit uns dieses Fanal sozialer Ungerechtigkeit  nicht mehr stetig beunruhigt?  Das kann's noch nicht gewesen sein.
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