Bildnis der schönen Skulptur „Art Basel fucks Documenta“, da wird wenigstens der Kunstmacht Schweiz gebührend Respekt gezollt.)
Aber dass die Schweiz von Österreich so weit entfernt erscheint, als schaue man durch ein verkehrtes Fernrohr, hat schon auch damit zu tun, dass die Schweiz das will. Denn was aus der Schweiz nach draussen dringt, wird durchaus so verstanden, dass sie ein reiches, borniertes, stets auf den eigenen Vorteil bedachtes Land ist. Die Abstimmung über das Osthilfegesetz und den, wie heißt er?, Kohäsionsbeitrag, wurde in Österreich schon auch so verstanden, dass die Schweiz mit Wirtschaftshilfe in Milliarden-Franken-Höhe verhindern will, dass die Bewohner der neuen EU-Mitgliedsstaaten zuviel Lust auf den Schweizer Arbeitsmarkt bekommen. Das passt in das Bild des reichen Nachbarn hinterm schmiedeeisernen Tor, der mit seiner Umgebung aus lauter Misstrauen nur durch das Zaungitter hindurch kommuniziert: Wie sagte Bundesrat Samuel Schmid in seinem Plädoyer für das Gesetz? Das Gesetz sorge auch für „mehr Sicherheit vor der eigenen Haustür“, sagte er. Irgendwie, sagte ein Wiener, miefe die Schweiz. Vielleicht, weil die Schweiz die Fenster nach draußen nicht so richtig aufmachen will, und wenn sie es doch tut, spürt man dahinter immer noch einen ganz leichten, eleganten, eisendurchwobenen Vorhang wehen.
Denn während in Wien die Schweiz eben nicht als Nachbarland begriffen wird -Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Slowenien sind das geworden: Nachbarn. Diese Nachbarn werden keineswegs immer warmherzig empfangen, aber auf die Idee, sie draussen halten zu wollen, kommt auch keiner mehr. Der Osten ist gut für das Land, ist gut für Wien; diese Erkenntnis hat sich nicht nur theoretisch durchgesetzt, sie ist auch praktisch spürbar geworden, unter anderem, weil die Arbeitslosigkeit trotz neuer EU-Mitgliedsstaaten konstant niedrig blieb und weil Österreich boomt. Wiens Strassen und Geschäfte sind voller Ost und West und lassen jene Grösse und Weite und kulturelle Vielfalt spürbar werden, die die Stadt einst in der Monarchie hatte.
Während man von der Schweiz, wenn man nie länger drin war, schon das Gefühl hat, sie werde immer kleiner und enger, wolle verbissen für sich bleiben, in allem speziell sein – wobei das entschiedene Festhalten an der direkten Demokratie in Österreich durchaus bewundert wird. Aber dann wieder das merkwürdig unterwürfige Verhältnis, dass die Schweiz zu ihrer Rechten pflegt... Was, so kommt das hier jedenfalls an, damit zu tun hat, dass die Schweizer Rechte durch einen reichen Unternehmer repräsentiert wird, und der reiche Unternehmer als solcher hat in der Schweiz stets recht, weil die Schweiz sich immer noch als Unternehmerland versteht. Was sich merkwürdigerweise auch all jene Schweizer gefallen lassen, die in den letzten Jahren, siehe Swiss, erfahren mussten, dass auch der Kapitalismus nach Schweizerart kein warmes, flauschiges Duvet ist, das liebende Unternehmerväter schützend über die Eidgenossen werfen.
Auch die Art, wie die Schweiz, das mag jetzt tüpflischeisserisch klingen, sich die Schriftsprache Deutsch zurechtbiegt, wird ausserhalb der Schweiz – mal abgesehen von der allseits akklamierten Abschaffung des ß - nicht durchgehend als herzige Eigenheit verstanden, sondern schon auch als signifikant für das Schweizer Wesen: Andere Nationen suchen das Gemeinsame, die aber Schweiz pflegt das Trennende.
So einen richtig guten Eindruck von der Schweiz scheint nur zu bekommen, wer, wie ich, länger da war, denn die Verschlossenheit gegenüber Nicht-Schweizern und die Eigenartigkeit der Schweizer ist selbst dann spürbar, wenn man kurz dort ist. Wiener Schweiz-Touristen berichten irritiert, dass in der Schweiz jeder sein sein eigener Polizist sei: Sie, da goht nöööd! Oder sie bemerken, dass in Zürich der Prozentsatz schöner Menschen extrem hoch sei und unter den schönen Menschen der Prozentsatz solcher, die dazu auch sexy seien, extrem niedrig. Und dass das irgendwie nicht rocke. (Wie: nicht rockt. Na, rockt halt nicht.). Oder sie beklagen die Unterdurchschnittlichkeit der Schweizer Küche bei gleichzeitig ungeheuerlichen Preisen. Und dass man sich ohne viel Geld mies fühle in Zürich. Aber auch, dass man ein Gefühl der Sicherheit habe, ein bisschen wie auf dem Dorf.
Vieles davon war mir damals, als ich nach Zürich zog, auch aufgefallen, aber es war mir vergönnt, meine Meinung im Lauf eines knapp zweijährigen Aufenthalts grundlegend zu ändern. Vor allem: Das Gefühl der Fremdheit wurde nach einiger Zeit von einer warmen Akzeptiert- ja, Geborgenheit abgelöst. Die Schweiz? Ein herzliches, tolerantes, großzügiges Land, das auch gut rockt. Nur nach außen bringt Schweiz das einfach nicht rüber.
ich kann ihre liebe zur schweiz nur bis zu einem gewissen grad nachvollziehen (ich war 9 jahre dort), ich hab einzelne schweizer, zu denen ich immer noch kontakt habe, sofort mögen müssen. die anderen schweizer und das ist das gros, rufen sämtliche fluchtmechanismen im kleinhirn wach. dieses bünzlige, der singsang der frauen beim sprechen. dann diese vielen doublebinds in der gesellschaft und der politik, nein!
ich bin froh wieder hier zu sein.
o.k. nicht nur.
ich bin ihnen sehr dankbar, ohne ihre wöchentliche kolumne im "tagi-magi" hätte ich mich noch unverstandener gefühlt in diesem land.
freundlich grüsst,
j.p.
es gäbe noch hinzuzufügen:
Welsche in Wien!
Wie? aus der Schweiz? Aha, ja, aber, öh, du sprichst ja gar nicht so, also, so schwyzerdütsch..........Letzteres muss man sich dann immer mit so einem leicht angwidertem Unterton, etwas spitz gezogen, vorstellen!
Ja, es gibt auch Schweizer, die eine der anderen Landessprachen sprechen! Besonderes Fehlverhalten in Wien/Österreich, wenn man zum Französischen, was hier nicht verstanden würde, Schriftdeutsch spricht. Alarm!!!!
In Bayern würde man da als "Saupreiss schweizerischer" bezeichnet.