10.01.07

Wiener Folklore

Doris Knecht | 01/07

Diesmal wieder: Reaktionen. Der Kollege H. etwa reagierte verstört auf die Xiberger Schneeberichte, denn während ich über die Nachteile innerbimlicher Schneeschmelze fantasierte, sei Wien, so der Kollege, von  Sonne grell bestrahlt und dadurch hübsch temperiert gewesen; 14 Grad circa. An nichts, monierte H., hätten die Wiener an jenem Tag  weniger gedacht als an Schnee und seine Folgen. Na gut.
  Überraschung: Nach der Kolumne über jenen Säuglingsvater, der einen Straßenbahn-Fahrer höflich und  erfolglos um Hilfe beim Aussteigen mit dem Kinderwagen gebeten hatte, schlug sich  der überwiegende Teil der Lesermailverfasser auf die Seite des Fahrers. „Interessante Freunde haben Sie da – Männer, die nicht in der Lage sind, mit ihrem Kinderwagen eine Straßenbahn zu verlassen“, belustigt sich etwa Frau G. Herr K. stellt die Geschichte ganz in Frage; er kann sich „nicht vorstellen, dass um 13.30 Uhr eine ’Geisterbim’ ohne Kunden unterwegs war“ und schließt mit der Aufforderung, besser zu recherchieren. Mit der Kritik an einem Fahrer werde, wie Herr F. kritisiert, eine ganze Berufsgruppe gemobbt.  (Nein. Viele freundliche und hilfsbereite Fahrer fahren die Wiener Busse und Trams. Dieser war’s nun mal nicht.)
  „Ich finde es sehr bedenklich, dass Sie einen Straßenbahnfahrer verurteilen, der sich gemäß seinen Dienstvorschriften vollkommen korrekt verhalten hat“, mailte noch ein Herr K. Ja,  in den Beförderungsbedingungen der VOR ist nicht ausdrücklich vorgesehen, dass Fahrer um Hilfe bittenden Fahrgästen helfen: Es wird aber auch nicht kategorisch verboten.
  Es zeigt sich: Nicht bloß gehört das Vuaschrift-is-Vuaschrift-Denken noch immer zur Wiener Folklore – es wird von den Wienern auch noch energisch verteidigt. Merkwürdig, irgendwie.
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