Doris Knecht
| 02/07
| Falter-Kolumne
| Kinder und andere Mitbewohner
| Prost Mahlzeit
| Schuld und Sühne
| Unter Spießern
Die Leser raten mir, die Sache mit dem Essen nicht so verbissen anzugehen; die Leserinnen auch. Ein bisschen lockerer solle ich werden, ein wenig entkrampfen. Kinder würden verblüffenderweise trotz Verstößen gegen das 5-mal-täglich-Obst-und-Gemüse-Paradigmas groß, und angesichts meines muckibepackten1,90-Meter großen kleinen Bruders, der bis über die Pubertät hinaus nur Nutellabrot und Nudeln mit nichts zu sich nahm, muss ich dem zustimmen. Leider neige ich nicht zur Lockerheit. Auch eines meiner Kinder tut das nicht, teilt vielmehr meinen Hang zum Missionarischen und marschiert jetzt, nachdem meine Gehirnwäsche vorübergehend bei ihm verfangen hat, durch den Kindergarten und erklärt den anderen Kinder, dass sie verlässlich blöd würden, ja, die Mutter habe gesagt, man werde ganz dumm, wenn man kein Müsli und kein Gemüse und Obst isst, sie esse jetzt immer Müsli und Obst und Gemüse und werde es deshalb dereinst vermutlich als Einzige ins Kanasium schaffen, leiderschneider, ätschibätsch.
Das ist natürlich sehr peinlich für mich. Aber wie seine Mutter tendiert nun mal auch das Kind zur Fetischierung von
deen, Geisteshaltungen, Menschen und Dingen. Vorletzten Sommer trug es an der linken Hand neun Tage und neun Nächte lang einen Baumeister-Bob-Fingerhandschuh aus Polyester, was sich für das Raumklima innerhalb des Handschuhs als abträglich erwies. Bevor die Hand zu schimmeln begann, verschwand der Handschuh auf mysteriöse Weise, und das Kind heulte ihm drei Tage lang nach. Heute erklärte dieses Kind zum akuten Fetischding eine steinalte Gummipuppe, die ihr Dasein seit Jahr und Tag minderbeachtet am Rand der Badewanne fristete, wo sie innerlich verschimmelte, graute, faulte, ich will es nicht so genau wissen: Denn nun muss die Puppe benamst, mit Sorgfalt gekleidet, den Barbies, Alessandro del Piero und den Powerrangern vorgestellt, mit einer Schlafstatt und einem Platz bei Tische versorgt sowie Tag und Nacht gekost und umhätschelt werden, zuhause wie im Kindergarten. Das hält drei bis elf Tage an, dann entzaubert sich das Ding schlagartig und fristet bis auf Weiteres ein minderbeachtetes Dasein in einer Plastikkiste, nackt, namenlos, ungehätschelt, zwischen nackten, namenlosen, ungehätschelten Barbies und Powerrangern, bis das Kind seinen Fetischstrahl wieder darauf richtet. Wenn ich das bei dem Handschuh schon gewußt hätte, wäre mir viel Kummer erspart geblieben. Diesem Kind ist Lockerheit nicht gegeben.
Wobei wir schon dankbar sind, wenn sich die romantischen Gefühle des Kindes auf Dinge richten, die ein Gesicht haben: Es kann sich durchaus auch um einen Eierkarton handeln, den das Kind zum aktuellen Liebesobjekt ausgewählt hat, und diese Liebe ist jeweils derart intensiv, dass wir uns hüten, das Kind vor die Entscheidung Wir-oder-der-Eierkarton zu stellen. Aber ich nehm das locker, ehrlich.