Doris Knecht
| 02/07
| Falter-Kolumne
| Frauen / Männer
| Kinder und andere Mitbewohner
| Unter Spießern
Bei den Finks gibt man nicht so viel auf Formen, das weiß ich zu schätzen. Wir sind zum Essen eingeladen, und Fink öffnet in gestreiften Pyjama-Hosen, einem Footballshirt und einem saublöden Tirolerhut, und bis auf den Tirolerhut, der irgendwann auf den Kopf von Finks Tochter wechselt, ändert sich daran den ganzen Abend nichts. Finks Aufzug konterkariert schön das Finksche Heim, das man sich ungefähr als 1-Million-m2-Loft vorstellen muss, in dem alle 30 Meter ein Grüppchen ausgesucht schöner Möbel auf einem fantastischen Parkettboden herumsteht und so weiter; es treibt mir unschöne Neidwimmerl auf. Fink flackt auf seiner100-Meter-Küchen-Leder-Bank hinterm 100-Meter-Eichentisch, während die schöne Frau Fink kocht, hervorragend übrigens. lmmerhin ist die Akustik scheiße, das kalmiert mich ein wenig. Zudem knallt mir die Finksche immer noch eine Dose von diesem Paris-Hilton-Häppchenprosecco
hin, hat sie von einem gekriegt, der sich dienstlich die Hilton-Autogrammstunde geben musste, die arme Sau. Schmeckt aber nicht übel. Das ideale Spielplatzgetränk, wenn du mich fragst, sag ich, klein, handlich, unauffällig. Ökologisch aber natürlich untragbar, darum halten wir uns im Weiteren streng an die Glasflasche.
Es ist einer dieser Abende, ähnlich, wie ich ihn letztes Mal beschrieben habe: Es wird gekocht, gesoffen, gute Musik gehört, debattiert, die Kinder sliden über den 100.000-Euro-Parkett und eine kleine Krise, die der Lange und ich performen, wird begeistert akklamiert, jaaa!, mehr davon!, wir wollen nicht die einzigen sein, die immer streiten! Könnt ihr haben. Da fällt mir Philipp M. ein, Ende 30, geschieden, ein Kind, der hat mir nach der letzten Kolumne gemailt: weißt du, wenn du das leben beschreibst, klingt es wie eine ganz kurzweilige veranstaltung. Er aber habe „nichts so entsetzlich deprimierend gefunden wie die mutation fröhlicher, zwecks rettung der welt saufender junger menschen in rotwein dekantierende, tiere zu brei zerkochende, sich von schlaf, sex und lebensfreude verabschiedet habende 38-jährige frühgreise“. Er habe dann nur noch die Wahl gehabt zwischen Scheidung und Alkoholismus, die Scheidung habe sich durchgesetzt.
Ich schreibe ihm zurück, dass ich im Zweifel einen milden Alkoholismus vorzöge, gerne in Verbindung mit livemusikalischen Veranstaltungen im Kreise alter Verbündeter, und dass ich ihm genau darum jetzt nicht weiterschreiben kann, denn Herb Molin wird im rhiz 50 und die Thorns spielen auf, über die übrigens keineswegs, wie der Falter letzte Woche vermerkte, „derzeit keine Informationen vorliegen“. Tatsächlich liegen über die Thorns jede Menge Informationen vor, seit 20 Jahren schon, einige sehr hübsche davon im Falter-Fotoarchiv, und andere wurden gerade beim Finkmahl wieder referiert, aus erster Hand. Während u. a. ein kleiner Dornensproß sehr engagiert die miese Akustik strapazierte, und insgesamt ist das, glaub ich, alles kein Zufall.