Doris Knecht
| 03/07
| Arbeit & Wirtschaft
| Falter-Kolumne
| Frauen / Männer
| Kinder und andere Mitbewohner
| Schuld und Sühne
Jetzt erwische ich mich ständig beim Keppeln und schäme mich. Keppeln ist unter aufgeschlossenen Erziehungsberechtigen striktes No-No-Territorium, die moderne Erziehungsberechtigte keppelt nicht, sie kommuniziert. Sie kommuniziert mit ihrem Kind auf eine das Kind nicht überfordernde Weise. Sie sagt in kurzen klaren Worten, was sie will. Das Kind reagiert darauf, so sieht es die Pädagogik vor, aufgeschlossen und positiv, was ich so verstehe, dass das Kind tut, was ich will. Leider funktioniert es nicht. In den letzten Wochen habe ich wiederholt den Satz „Rede ich eigentlich gegen eine Wand?!“ ge ähm keppelt, genau so, wie ich ihn von meiner Mutter gekeppelt kriegte, und das ist natürlich... Absolutes Sperrgebiet ist das natürlich. Würdelos. Aber meine Kinder sind in die beunruhigende Phase getreten, in der sie über meine Schmähs nur noch bemüht grinsen (wozu hat man Kinder?? Wegen der Bedingungslosigkeit von Zuneigung und allzeit positiver Schmährezeption!! Das war nicht ausgemacht, dass das schon vor dem fünften Geburtstag vorbei ist!!) und mich, wenn ich etwas will wie Zähneputzen, aufräumen, anziehen, ins Bett gehen, einfach ignorieren, ohne ihre augenblickliche Tätigkeit auch nur
zu unterbrechen. So, Zähneputzen. (...). Geht’s jetzt bitte Zähneputzen. (...). Zähneputzen, hab ich gesagt, bitte. (...) RED ICH EIGENTLICH MIT EINER WAND?!! ZÄ! NÄ! PU! TZEN! UND ZWAR DALLI! Sie hören mir nicht mehr zu, obzwar ich, der Lange bestätigt das, nicht zu den Müttern gehöre, die ihren Kindern ununterbrochen die Ohren vollquatschen, so dass die Kinder ihren Empfang verständlichweise irgendwann auf lautlos stellen. Nein, wenn ich etwas sage, ist es von natürlicher Relevanz, nichtsdestotrotz scheißen meine Kinder komplett darauf.
Diejenigen meiner Freunde, die keine Kinder haben, die sie ankeppeln könnten oder die ihre Kinder schon aus dem Haus gekeppelt haben, nutzen ihre Freizeit, um sich faszinierende Ticks anzueignen, welche sie mir dann beim Mittagessen im Wirtshaus vorführen. Kollegin A. hat sich auf das Kirremachen von Kellnern spezialisiert. Sie hätte gerne, sagt A. im Sapa, den im Wok gebratenen Tofu mit Gemüse und Reisnudeln, aber mit Reis statt Nudeln und ohne den Tofu, geht das? Das geht erstaunlicherweise. (Was mich an den Kerl erinnert, der kürzlich, als ich mal auflege, am DJ-Pult erscheint und sagt, so, langsam hat er genug, wenn ich jetzt nicht gleich etwas spiele, das er kennt, verlässt er das Lokal. Worauf ich, um keinen Publikumsverlust zu riskieren, schlagartig „Lets Stick Together“ von Bryan Ferry in den CD-Player schiebe, worauf der Herr erneut das DJ-Pult aufsucht, um mir erbost mitzuteilen, so, es sei jetzt endgültig genug, tschüss, auf Nimmerwiedersehen. Für diesen Mann konnte ich nichts tun.)
Während Kollegin Dusl die Unfähigkeit kultiviert , eine Konversation am Wirtshaustisch zu beginnen, bevor das Teehäferl exakt mittig auf dem exakt mittig ausgerichteten Set ausgerichtet ist, wobei der Teebeutelfaden in die Diagonale zeigen muss. Sie sei auch, sagt Dusl, nicht mehr in der Lage, mit weißem Papier zu arbeiten, weißes Papier lenke sie ab, es dominiere durch seine Weißheit allzusehr die Atmosphäre, sie arbeite nur mehr mit gelbem Papier. Gelbes Papier sei bescheiden und zurückhaltend, gelbes Papier dränge sich nicht auf, weißes Papier dagegen. Wenn weißes Papier, dann streng mittig und kantig, aber sie könne ja nicht auf einem dicken Packen streng mittig platziertem Papier. Ein schönes Hobby, sage ich. Nicht wahr, sagt Dusl.