Doris Knecht
| 03/07
| Falter-Kolumne
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| Schuld und Sühne
Ich hatte eine Frage an Philipp den Geschiedenen: Ist er glücklicher jetzt, nachdem er sich für die Scheidung und gegen die kleinfamiliäre Genießerspießerei entschied, die er zusehends nur noch im Zustand der Totalsomatisierung ertragen hatte? Nicht glücklicher, sagt Philipp der Geschiedene, nein, glücklicher nicht, aber das hänge damit zusammen, dass Glücklichsein für ihn keine biographische Kategorie sei. Aber sein Unglück fühle sich nun authentischer an; er könne mit seinem Unglück allein besser umgehen. Das exhibitionierte Familienglück mit all den Insignien der Einheit und Vollständigkeit habe ihn durchaus kurzfristig abzulenken vermocht, aber ständig sei er wie verkatert daraus erwacht, was nichts mit Substanz-Zufuhr zu tun gehabt habe, sondern damit, dass Familienglück auf ihn wie Fusel gewirkt und ihn deppert gemacht habe, wie aus einem Schnapstraum sei er daraus herausgeschossen, ganz ernsthaft mit Herzklopfen und dem Gefühl, dass das nicht er, Philipp, sondern ein Traum-Philipp sei in einer Traumexistenz aus Liebsein und Schönwaskochen und dem tödlichen Frust von Drei-Sterne-Hausfrauen, wenn das Soufflee zusammenpappt sei und mit einem Preisleistungsverhältnis zu edlen Weinen. Grauenhaft, grau-en-haft!; leider war es sein Dasein. Das habe er irgendwann
abnormal gefunden, dieses wiederholte Hochschrecken aus dem wirklichen Leben. Das habe einfach nicht gestimmt, und irgendwann habe er eingesehen, dass er eben nur alleine vollständig und richtig und familiäre Vertraulichkeit nur wie einen Besuch zu ertragen in der Lage sei; einen Besuch, der zuverlässig wieder geht und ihn als Einzelnen zurücklässt. Er liebe seinen Sohn, er liebe die Zeit mit ihm, aber es komme ihm natürlich und richtig vor, dass er nicht permanent mit ihm lebe.
Merkwürdigerweise verstehe ich das. Ich finde es nicht schön, ja: bedauerlich; aber ich verstehe es. Für Philipp ist es richtig, besser: das einzig Mögliche. In diesen Fall sage ich nicht, du bist ein totaler Depp, Philipp. Ich sage: Du bist ein totaler Depp, Philipp, dass du Nirvana unplugged immer noch hörst und immer noch super findest, so ein Dreck, so ein Ausverkauf, so ein Verrat am Rock´n´Roll, immer noch, so ein Weicheier-Ausweis, Punk für Weinspezialisten und BMW-Fahrer, fährst du jetzt einen BMW, Philipp? Sowas kann mich echt aufregen, besonders bei einem wie dir, Philipp, der immer die messerscharfe Kante sucht, hier gut, da schlecht, dazwischen aua, und ich glaube, genau darum hat der Cobain sich umgebracht, weil das auch so einer war, und seine Vernuttung konnte der dann nur noch mit Totalsomatisierung und die dann auch nicht mehr ertragen, aber das führt jetzt vermutlich, da hat Philipp Recht, zu weit. Dass du deine Familie verlassen hast, das versteh ich, Philipp, aber Nirvana unplugged, sag ich, gerade du, du, du!, aber ich glaube, Philipp der Geschiedene hört mir gar nicht mehr zu. Wegzappen: das kann er.