12.04.07

Die Liegenlass-Gesellschaft

Doris Knecht | 04/07 | Kurier-Kolumne | LiLäLa (Liste lässlicher Laster)

Auf meine Kolumnen gegen herumliegenden Hundekot mailte die p.t. Leserschaft nicht nur Zustimmung. Aber fast: das Pro gegen Contra-Lesermail-Match gewann Pro mit  63:8 eher deutlich. Die Leserinnen und Leser mailten allerdings noch mehr: Zahlreiche Wunschlisten die Sauberkeit Wiens betreffen, die sich alle nicht gegen die MA 46 richteten, sondern gegen  Unarten der Wiener.
Unangefochtener Platz 1 unter den lesererzürnenden Untugenden: auf den Boden spucken. Während die Organisatoren der Pekinger Sommerspiele 2008 gerade intensiv versuchen, den Chinesen abzugewöhnen, auf den Boden zu schlatzen, wo sie gehen und stehen, scheint das öffentliche Absondern von Speichelflüssigkeit hierzulande  ein Revival zu erleben. Frauen und Männer (meistens: Männer) feuern ihre Spucke gegen den Erdmittelpunkt, egal, was zwischen ihnen und diesem gerade liegen mag: Gehwege, U-Bahnsteige, Bim–Stationen, Stiegenhäuser.  Die Leserschaft verlangt die  sofortige Abkehr von dieser Unsitte; ich schließe mich an: Wenn Sie nicht gerade ein Instekt inhaliert haben, lassen Sie die eklige Spuckerei.
Platz 2: Dass die Wegwerf-Gesellschaft  zur Liegenlass-Gesellschaft mutiert. Jeder lässt überall seinen Müll fallen: in der U-Bahn, auf Bänken, im Park, auf der Straße. Die Liegewiese jenes  Freibades, das ich seit Jahren besuche, sah letzten Sommer abends jeweils aus wie das Gelände eines dreitägigen Rock-Festivals am Sonntagabend: komplett zugemüllt. Liegt vielleicht auch daran, dass uns die Industrie ständig überall umsonst was (dazu) gibt, was wir nicht bestellt haben: Gratiszeitungen, Gratispräsente, Gratisverpackung. Nicht gewollt, nicht bezahlt, nicht verantwortlich... lassen wirs liegen, ist ja egal.
Ist es aber  eben nicht. Und die Liste wird fortgesetzt.
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